Tapisserie, Textur, Text – Wechselwirkungen zwischen Literatur, allegorischem Denken und europäischer Bildwirkerei vom 14. bis zum 16. Jahrhundert
In den letzten Jahrzehnten sind textile Bildträger verstärkt in den Fokus der Kunst- und Bildwissenschaften gerückt.
Dass die Erforschung der Tapisserien des 14. bis 16. Jahrhunderts so lange auf sich warten ließ, liegt weniger an der fragmentarischen Überlieferung als vielmehr an ihrer langanhaltenden Geringschätzung als bloßes „Kunsthandwerk“ und der erschwerten Zugänglichkeit der überwiegend in Privatbesitz befindlichen Artefakte. Das Versäumnis der Forschung wiegt umso schwerer, weil Tapisserien zu den kostbarsten und repräsentativsten Bildmedien der Vormoderne gehören und komplexe allegorische Bild-Text-Verflechtungen darstellen, die sich weder durch klassische Ikonographie noch durch reine Textanalyse hinreichend erschließen lassen. Tapisserien rekurrieren meist auf historische Texte, zeitgenössische literarische Themen und kanonisierte Werke, konnten zugleich aber auch Autoren zu eigenen Texten und Dichtungen anregen.
Das Projekt zielt darauf ab, den Wissens-, Erwartungs- und Sehhorizont eines heterogenen Publikums, das von Bild-Text-Komposition der europaweit zirkulierenden Tapisserien belehrt, unterhalten und bewegt wurde, zu rekonstruieren und die Wechselwirkungen zwischen allegorischer Literatur und Bildwirkung, Text und Textur sowie zwischen Tapisserie und anderen medialen Erscheinungsformen wie Theater, „lebendigen Bildern“ oder Festzügen zu untersuchen. Dabei steht weniger die Lösung einzelner ikonographischer Rätsel im Vordergrund als vielmehr die Analyse von Tapisserie als Demonstrationsmedium für politische, religiöse und literarische Allegorien, deren Wirkung durch die Kostbarkeit des Materials zusätzlich verstärkt wurde. Dr. Logemann untersucht die vorhandenen Werke und Inventare und erschließt literarische Quellen, in denen Tapisserien als Fiktionen, Allegorien oder rhetorische Mittel dargestellt werden. Ziel ist es, die Tapisserie als Vermittlungsmedium zwischen literarischer und visueller Bildung neu zu positionieren. Durch die Einbettung in ihren jeweiligen Kontext – das Zusammenspiel von allegorischen Texten und Bildern, die spezifischen Materialeffekte und Techniken, die Bezüge zu Theateraufführungen sowie die darin angelegten Zeitvorstellungen – werden die Innovationskraft und die kulturelle Bedeutung dieses Mediums aufgezeigt.