Der Kunstverein und die Kunsthalle Bremen in der Zeit des Nationalsozialismus
Dem Kunstverein und der wissenschaftlichen Leitung der Kunsthalle Bremen ist es ein zentrales Anliegen, die eigene Geschichte in der NS-Zeit umfassend aufzuarbeiten.
In den zurückliegenden Jahren konnten drei zentrale Aspekte eingehend untersucht werden: die kriegsbedingte Auslagerung der Museumsbestände und die daraus resultierenden Kriegsverluste, die Beschlagnahmung von 22 Gemälden, 23 Zeichnungen und 88 Blättern Druckgraphik im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ sowie die in der Sammlung befindlichen Kunstwerke aus ehemals jüdischem Besitz, die unrechtmäßig enteignet wurden. Im Zuge der seit 2010 anhaltenden Provenienzforschung konnten bereits mehrere Werke restituiert wurden.
Mit dem Projekt werden nunmehr die Institutionsgeschichte der Kunsthalle und des Kunstvereins, der das Museum seit 200 Jahren in privater Trägerschaft führt, eingehend erforscht und die objektspezifischen Forschungen der vergangenen Jahre in den größeren politischen Kontext eingeordnet. Im Einklang mit der Struktur des Kunstvereins als privatem Träger der Kunsthalle stehen zwei zentrale Themen im Fokus: Zum einen betrifft dies die umfassende Untersuchung der Biographien und politischen Haltungen der einzelnen Vorstandsmitglieder, den Wechsel des Vorsitzes im Zuge der Machtergreifung sowie die Beziehungen des Vorstands zu Behörden und Machthabern. Die Recherchen erstrecken sich u. a. auf die Lebensläufe der Kunstvereinsvorstände Ernst Castens und Hermann Apelt und der Museumsangestellten Dr. Wilken von Alten, Fritz Hilken, Albert Mohrmann und Theodor Hoffmann. Ebenso werden die Biographien und Verstrickungen der Vereinsgegner – darunter Ernst Otto Günther – sowie bedeutender politischer Akteure wie Kultursenator Richard von Hoff und Bürgermeister Heinrich Böhmcker aufgearbeitet und im historischen Kontext analysiert.
Im zweiten Arbeitsfeld wird die ambivalente Rolle des Direktors Emil Waldmann untersucht, der die Kunsthalle zwischen 1914 und 1945 leitete und über den bisher keine fundierte Biographie vorliegt. Kurz nach der Machtergreifung wurde Waldmann vom Kampfbund für deutsche Kultur als Museumsleiter in Frage gestellt, da er die französische Kunst bevorzugt, bei „nichtarischen“ Kunsthändlern gekauft und eine undeutsche Gesinnung an den Tag gelegt haben soll. Trotz wiederholter Anfeindungen konnte sich Waldmann jedoch bis zu seinem Tod 1945 im Amt behaupten. Hier wird geklärt, wie er als anerkannter Vertreter der Moderne seine Entlassung vermeiden konnte, im Unterschied etwa zu Max Sauerlandt in Hamburg oder Ludwig Justi in Berlin. Lässt sich Waldmanns fördernde Mitgliedschaft bei der SS als Konzession an die Machthaber verstehen? Zwar ist er nie in der NSDAP gewesen, musste als Museumsleiter aber Mitglied in der Reichsschrifttumskammer und des Reichsbundes der deutschen Beamten sein. Vorstand und Direktor wollten vor allem den Status des Kunstvereins als privaten Träger der Kunsthalle erhalten und das Museum vor dem vollständigen Zugriff („Gleichschaltung“) der Nationalsozialisten bewahren. Welche Zugeständnisse an den NS-Staat wurden gemacht und an welchen Stellen haben Kunstverein und Waldmann auf eigenen Positionen beharrt?
Das Projekt zielt darauf ab, die Grauzonen zwischen Vereinnahmung, Anpassung und Widerstand auszuloten sowie Waldmanns Rolle im Kunsthandel und seine Gutachtertätigkeit im Kontext jüdischer Kunsthändler und Sammler – darunter Eduard Arnhold und Ernst Cohen – und im Zusammenhang mit der Versteigerung unrechtmäßig entzogener jüdischer Umzugsgüter zu analysieren. Zudem werden sein Verhältnis zur Kunst der Moderne, seine politischen Haltungen in seinen Publikationen ab 1933 sowie seine Beziehungen zu Künstlern wie Fritz Mackensen, Bernhard Hoetger und Leo von König beleuchtet. Auch Waldmanns Tätigkeit an der Nordischen Kunsthochschule und die unklaren Umstände seines Todes, bei dem unterschiedliche Erzählungen über einen Selbstmord oder ein Ertrinken im Main kursieren, stehen im Fokus der Forschung.