Past Lives, Present meanings: A Multifaceted Approach to the Newly Excavated Sculptures from the Theatre of Prusias ad Hypium
Die antike Stadt Prusias ad Hypium (Konuralp/Düzce, Nordwesttürkei) in der ehemaligen römischen Provinz Bithynia ist – abgesehen von ihrem gut erhaltenen Theater aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., das in der Kaiserzeit weiter ausgebaut wurde, sowie der polychromen Tyche-Statue (heute im Archäologischen Museum Istanbul) – in der Fachwelt bislang weitgehend unbeachtet geblieben.
Die zwischen 2019 und 2024 im nördlichen Theaterbereich durchgeführten Ausgrabungen haben jedoch eine Reihe bedeutender Neufunde ans Licht gebracht, die den Ort und das geborgene Skulpturenmaterial nunmehr verstärkt in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit rücken dürften: zwölf Skulpturen und zahlreiche Fragmente aus weißem Marmor (Büsten, Statuen), die sich in Größe, Stil, Technik und Form unterscheiden. Die Funde – darunter eine Statue des Apollo Kitharoidos, eine große Herculaneum-Frau, der Kopf von Eros oder Harpokrates sowie drei weibliche Kopffragmente – stammen aus dem 2. bis 3. Jahrhundert n. Chr. und legen durch ihre Liegehaltung nahe, dass sie gemeinsam an der ‚Scaenae frons‘ aufgestellt waren, bevor sie in die Orchestra stürzten.
Ausgangspunkt der Studie sind die kürzlich entdeckten Statuen, die neue Perspektiven auf künstlerische Traditionen und Herstellungsverfahren sowie auf wirtschaftliche und künstlerische Netzwerke der Region eröffnen. Dr. Lordoğlu analysiert den archäologischen Kontext der Skulpturen aus dem Theater, widmet sich Fragen zu Ikonographie und Chronologie der meist lebensgroßen Objekte und versucht, lokale Charakteristika der Werkstattpraxis über den Vergleich mit zeitgleichen Arbeiten aus Städten wie Nikomedia und Claudiopolis herauszuarbeiten. Besonderes Augenmerk gilt den bei der Bearbeitung der Skulpturen zur Anwendung gekommenen Techniken, den Spuren späterer Umarbeitungen und der Zuordnung der Figuren in die unterschiedlichen Bauphasen des Theaters. Die Befunde deuten auf eine lange Nutzungsgeschichte von der Kaiserzeit bis in die Spätantike hin, in deren Verlauf sich die Formensprache kontinuierlich wandelte. Von besonderem Interesse ist dabei die postantike Rezeption, da die meisten Statuen in liegender Position neben den Säulen der ‚scaenae frons‘ gefunden wurden. Insgesamt dürften die Untersuchungsergebnisse neue Perspektiven auf die regionale Kunsttradition und die Funktion öffentlicher Skulpturen als Ausdruck städtischer Loyalität und imperialer Zugehörigkeit eröffnen.
Darüber hinaus hat sich Dr. Lordoğlu vorgenommen, neue methodische Ansätze für die Erforschung und digitale Bewahrung des antiken Kulturerbes zu entwickeln, insbesondere im Hinblick auf die im Zuge moderner Restaurierungen entstandenen Schäden. Dabei werden klassische archäologische Methoden mit digitalen Verfahren – etwa Photogrammetrie, 3D-Modellierung und stilkritische Analysen – kombiniert, einerseits um die Skulpturen im archäologischen wie auch im architektonischen Kontext zu untersuchen; andererseits erlauben diese Technologien die virtuelle Rekonstruktion fragmentierter Statuen und die hochpräzise Erfassung feinster Details, einschließlich Werkzeugspuren und Umarbeitungsprozesse.