Funding Funded Projects Die Realität des Autors. Eine Konflikttheorie der Trennung von Person und Werk

Die Realität des Autors. Eine Konflikttheorie der Trennung von Person und Werk

Das öffentliche Interesse an der Realität oder Person von Autorinnen und Autoren nimmt im 21. Jahrhundert geradezu obsessive Formen an, wie zahlreiche Debatten und Kontroversen belegen: um den Nobelpreis für Peter Handke, das Pseudonym Elena Ferrantes, die Übergriffe Alice Munros oder Genderaussagen J. K. Rowlings.

Die Realität der Schreibenden gibt offenbar Anlass zu Konflikten, obwohl sich im 20. Jahrhundert die Trennung von (Autor-)Person und Werk als Signum professionellen Umgangs mit Literatur etabliert hat und die These vom „Tod des Autors“ ab den 1970er Jahren Breitenwirksamkeit erreichte. Sogar die Philologie konstatiert seit ca. 2000 eine „Rückkehr des Autors“.

Zu diesem Forschungsfeld möchte Dr. Franzen ein „Konflikt­modell“ moderner Autorschaft beitragen und dafür – mit einem literatursoziologischen Ansatz – Produktion, Re­zeption, Ökonomie, Ästhetik, Medialität und Text korre­liert betrachten.

Zunächst wird Begriffsarbeit geleistet. Autorschaft wird als umkämpftes Privileg aufgefasst, das den Zugang zu Ressourcen und die Legitimität des Schreibens gewährleistet, die Realität der Schreibenden als Geflecht von Erwartungen, das sich an ihre Person knüpft, und die Trennung von Person und Werk als Konzept, das einerseits die Autonomie des Literarischen sichert und andererseits die Schreibenden davor schützt, für Inhalte ihrer Werke haftbar gemacht zu werden. Mit diesen Konzepten wird dann eine kurze Sozialgeschichte moderner Autorschaft skizziert (vom 19. Jahrhundert bis zu Digitalisierung und moderner Starkultur). Als Kontinuitäten herausgearbeitet werden dabei v. a. konfliktträchtige Spannungen – innerhalb von Autorschaftstheorien oder zwischen ihnen und den sozioökonomischen Realitäten.

Dann rückt das Leben der Schreibenden in den Blick: als Konsumgut (in Biographien, Biopics, Museen, Auto­graphen-Handel, Lesungen) und als Streitgegenstand in den o. g. Kontroversen. Ausgehend von Überlegungen zum Biographismusbegriff wird gefragt: Woher rührt das Interesse an biographischen Legenden der Schrei­benden – und warum oder inwiefern kann deren Reali­tät die Rezeption kontaminieren? Reflexionen gelten hier auch dem Memoirenboom dieser Jahre oder dem Begriff Autofiktion.

Als Drittes richtet sich der Blick auf den Namen des Au­tors oder der Autorin: In der aktuellen „Name Economy“ und „Celebrity Culture“ kann er die Funktion einer Marke annehmen und löst sich dabei von biographischen Reali­täten tendenziell wieder ab. Anonymität und Pseudonymität da­gegen dienen dazu, die Person hinter dem Werk dem Diskurs zu entziehen, und lassen u. a. Ängste von Schreibenden sichtbar werden (etwa vor Genderdiskriminierung u. ä.). Für Bücher von Prominenten aus Politik, Sport, Musik oder Film sichert der Name den Publikumserfolg.

Schließlich interessieren Eigentumsfragen bzw. der Komplex der Werkherrschaft, der in den letzten 20 Jah­ren maßgeblich identitär legitimiert wird. Fokussiert werden hier Konflikte um kulturelle Aneignung (wie bei Übersetzungen Amanda Gormans) oder Fälschungen (J. T. Leroy), die auch beliebtes Thema von Literaturbe­triebssatiren sind (Klaus Modick u. a.). Verschärfte Bri­sanz erreichen solche Eigentumskonflikte im Digitalen Raum, wenn sich etwa Fan-Communities gegen J. K. Rowling verbünden.

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