Mesopotamian Bird Omens: A Study of the Bird Omens in the Divinatory Series Shumma alu
Das babylonische Kompendium „Šumma ālu ina mēlê šakin“ („Wenn eine Stadt auf einer Höhe liegt“, akka¬disches Incipit) war eine Sammlung von Omina (Vorzeichen), die Ereignisse und selektiv beobachtete Naturphänomene mit möglichen zukünftigen Konsequenzen verknüpfte. Das Kompendium enthielt ursprünglich mehr als 13.000 aus der Naturbeobachtung, vor allem aus dem Verhalten von Vögeln abgeleitete Omen, die in mehr als 100 thematische Kapitel gegliedert waren (auf Akkadisch „ṭuppu“ „Tafel“).
Die Šumma-ālu-Tafeln 64-79 bestehen aus einer Reihe von Mensch-Tier-Vergleichen – „Wenn ein Falke, ein Rebhuhn (und) ein Adler zusammenspielen, wird der König des Landes in Misskredit geraten“ – und stellen die größte erhaltene Quelle für Vogelwahrsagerei des Alten Orients dar. Die Vorzeichen sind als Konditionalsätze formuliert, wobei die jeweilige Beschreibung des Zeichens oder des Ereignisses, die Protasis, im Nebensatz durch die Konjunktion „wenn“ (akkadisch: šumma) eingeleitet wird, während die Interpretation und Deutung, die Apodosis, im Hauptsatz steht. Die babylonischen Wahrsager konstruierten Vorhersagen auf Basis assoziativer Ähnlichkeiten. Die Symbolik orientierte sich an der „Affordanz“: Tiere regen durch bestimmte Merkmale spezifische symbolische Deutungen an, die sich an menschlichen Vorstellungen ausrichten.
Obwohl dem divinatorischen Kompendium aufgrund seiner Bandbreite und seines Umfangs eine zentrale Bedeutung in der Kultur des Alten Orients zukommt, hat es die Forschung bislang versäumt, eine zuverlässige Edition der Omen-Serie „Šumma ālu“ auf den Weg zu bringen. Aufbauend auf den bisherigen und laufenden Arbeiten von Prof. De Zorzi werden die Šumma-ālu-Tafeln 64-79 im Rahmen dieser Studie erstmals ausführlich untersucht und philologisch kommentiert. Neben der kritischen Textedition in gedruckter und digitaler Form möchte Prof. De Zorzi eine umfassende Analyse von Struktur, Konstruktion und Bedeutung der divinatorischen Texte vorlegen.
Diese Studie dient nicht nur als Grundlage für weitere Forschungen zur Entwicklung eines umfassenden Korpus mesopotamischer Omen-Kompendien, sondern eröffnet zugleich auch neue Perspektiven auf die Omen-Hermeneutik und die akkadische Bildsprache. Zudem wird ein Vergleich mit den Sanskrit-Kompositionen zur Vogelwahrsagung die erste interdisziplinäre Untersuchung zur altindischen und mesopotamischen Vogeldivation ermöglichen und diese in einen erweiterten historischen Kontext einordnen.