Neue Zugänge zu Gesundheitswissen. Zur Bedeutung von Online-Erfahrungsberichten und KI-generierten Informationen für Gesundheitsentscheidungen
Die Digitalisierung ermöglicht neue Formen des Austauschs und der Interaktion, die bis in die Gesundheitskommunikation reichen.
Zwar gelten noch immer vor allem Fachkräfte und Institutionen des Gesundheitswesens als Hauptquellen für gesundheitsrelevantes Wissen, allerdings teilen immer mehr Privatpersonen ihre persönlichen Erfahrungen (ihr Erfahrungswissen) online und gewinnen Chatbots mit KI-generierten Pseudo-Erfahrungsberichten (KI-generiertes, entpersonalisiertes Wissen) an Popularität. Erfahrungs- und KI-generiertes Wissen wird in Zukunft neben Fachwissen eine wesentliche Rolle für Gesundheitsentscheidungen spielen. Diese Wissensformen spielten in der Forschung bislang allerdings eine untergeordnete Rolle und sind nicht ausreichend differenziert.
Hier setzt Dr. Wiertz mit ihrem Projekt an. Sie möchte ein differenziertes Verständnis für Wissensformen im Kontext von Gesundheit und Krankheit entwickeln und praktische Empfehlungen für die Nutzerinnen und Nutzer dieser Wissensformen erarbeiten. Die Wissensformen werden präziser eingeordnet, um ihre Bedeutung für Gesundheitsentscheidungen besser zu verstehen.
Dazu werden die Wissensformen konzeptuell gefasst, anhand einiger Beispiele qualitativ untersucht und ethisch eingeordnet. Die Analyse erfolgt am Beispiel von Long Covid und vergleicht Erfahrungswissen und KI-generiertes Wissen mit klassischen Fachinformationen.
In einem ersten Arbeitspaket werden konzeptuelle Fragen zu Wissensformen im Kontext von Gesundheitsentscheidungen fokussiert. Medizinische Entscheidungen werden als komplexe und transformierende Entscheidungen verstanden und auf Basis der einschlägigen Fachliteratur detailliert differenziert. Außerdem wird, ebenfalls literaturbasiert, eine Matrix von Wissensformen entworfen, um sichtbar zu machen, inwiefern unterschiedlichen Wissensformen spezifische Funktionen im Kontext von Gesundheitsentscheidungen zukommen.
Das zweite Arbeitspaket umfasst den empirischen Teil mit einer qualitativen Inhaltsanalyse über die Formen von Wissen, die in Online-Erfahrungsberichten (Blogs und Vlogs) zu Long Covid geteilt werden. Datenmaterial bilden, erstens, von Privatpersonen selbstständig erstellte und veröffentlichte Erfahrungsberichte mit hohen Abrufzahlen in deutscher Sprache. Zweitens werden klassische Informationsangebote auf dieselbe Weise analysiert. Drittens werden zwei gängigen generativen KIs Fragen gestellt, die sich aus der Analyse der Blogs und Vlogs als typische Fragen herauskristallisiert haben, um so entpersonalisierte Pseudo-Erfahrungsberichte zu erhalten. Diese werden abermals analysiert.
Im dritten Arbeitspaket werden die Implikationen der Verfügbarkeit von Online-Erfahrungsberichten und generativen KIs für Gesundheitsentscheidungen aus ethischer Perspektive beleuchtet.
Dazu soll ein erweitertes Verständnis von digitaler Gesundheitskompetenz im Angesicht transformativer Erfahrungen erarbeitet und der Begriff der Digital Health Literacy einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. Ziel ist insgesamt die Formulierung von Handlungsempfehlungen für Fachkräfte des Gesundheitssystems.