Bewältigung von Gewalterfahrungen: individuelle und berufsbezogene Perspektiven im Kontext des Strafvollzugs
Gewalt gegen Mitarbeitende im öffentlichen Dienst wird in Medien und Wissenschaft zunehmend diskutiert und hat unmittelbare Folgen für Betroffene. In besonders gefährdeten Berufsgruppen (z. B. Strafvollzugsbedienstete, Polizisten, medizinische Kräfte in Notaufnahmen) lassen sich Opfererfahrungen von Bediensteten trotz Präventionsbemühungen kaum verhindern.
Erste Studien zeigen, dass sich Gewalterfahrungen sowohl negativ auf deren Gesundheit als auch auf ihre Arbeitseinstellungen und ihr Arbeitsverhalten und somit potenziell auch auf das erweiterte Arbeitsumfeld auswirken. Besonders in Einrichtungen des öffentlichen Dienstes haben solche arbeitsbezogenen Folgen auch eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Insbesondere in diesem Bereich sind die Folgen arbeitsbezogener Gewalterfahrungen allerdings wenig (und wenn, dann querschnittlich) empirisch erforscht.
Hier setzt das Projektteam an und identifiziert bewältigungsförderliche und -hinderliche Faktoren aus entwicklungs- und arbeitspsychologischer Perspektive im Berufskontext am Beispiel des Strafvollzugs in mehreren Bundesländern.
Strafvollzugsbedienstete sind durch ständigen Kontakt mit ihren Klienten in einem geschlossenen System mit Zwangscharakter eine ideale Untersuchungsgruppe, da diese Besonderheiten längsschnittliche und experimentelle Forschung zu Bewältigungsprozessen ermöglicht und dadurch kausale Rückschlüsse erlaubt. Es werden folgende Fragen adressiert: Welche individuellen und arbeitsbezogenen Folgen haben Erfahrungen von Gewalt durch Klienten am Arbeitsplatz? Welche individuellen und organisationalen Faktoren sind für die Bewältigung dieser Erfahrungen förderlich bzw. hinderlich? Lassen sich diese Erkenntnisse in erfolgversprechende Interventionsansätze umsetzen?
Angelehnt an das „Job Demands-Resources“-Modell nach Backker und Demerouti (2007) wurden folgende Hypothesenfamilien formuliert, die zu Beginn des Projekts spezifiziert werden: Psychische und physische Gewalterfahrungen hängen mit der psychischen und physischen Gesundheit, den arbeitsbezogenen Einstellungen und Verhaltensweisen der Bediensteten zusammen. Die Zusammenhänge zwischen psychischen und physischen Gewalterfahrungen können durch individuelle bzw. interne Ressourcen der Bediensteten sowie organisationale bzw. externe Ressourcen abgemildert werden.
Zunächst wird eine deskriptive Bestandsaufnahme zu Gewalterfahrungen von Strafvollzugsbediensteten durchgeführt. Dies beinhaltet verbale und nonverbale Gewalt, Bedürfnisse und Wünsche Betroffener, individuelle und institutionelle Reaktionen sowie vorhandene Unterstützungsangebote. Es folgen qualitative Experteninterviews mit mindestens 15 Bediensteten aus verschiedenen Bereichen des Strafvollzugs (Allgemeiner Vollzugsdienst, Sozialer Dienst und andere Dienste, Anstalts- oder Abteilungsleitung). Nach der Analyse folgt sodann eine anonymisierte Vollerhebung (Dunkelfeld-Erhebung) mit allen internen Bediensteten mit direktem Gefangenenkontakt. Anschließend werden Kausaleffekte von Bewältigungsfaktoren identifiziert.
Die Erkenntnisse sollen durch Handlungsempfehlungen für Strafvollzugsbedienstete und Führungskräfte in die Praxis transferiert werden.