Die anonymen Beispielverse in der Schulmetrik „De metris omnibus“ des Apthonius: Eine unerschlossene Quelle verlorener römischer Dichtung. Edition und Kommentar
Untersuchungsgegenstand des Projekts sind rund 330 anonyme lateinische Verse, die in der handschriftlich erhaltenen römischen Dichtung nicht nachweisbar sind.
Diese Verse sind nur deshalb bekannt, weil sie als Beispiele für bestimmte Arten von Versen oder bestimmte metrische Erscheinungen in einer lateinischen Schulmetrik zitiert werden, nämlich in der schlecht überlieferten Schrift „de metris omnibus“ („Über sämtliche Metren“) des Apthonius, der umfangreichsten und materialreichsten metrischen Schrift aus dem römischen Altertum, die von großer Bedeutung für die antike Metriktheorie und für das Verständnis der konkurrierenden Systeme ist, nach denen man in der Antike die griechischen und lateinischen Versmaße erklärt hat.
Obwohl die Frage nach der Provenienz der anonymen und bei den überlieferten antiken Dichtern nicht nachweisbaren Verse ein seit langem bekanntes und untergründig schwelendes Problem der Forschung ist, sind die Beispielverse des Apthonius bislang nie Gegenstand eines Kommentars oder einer systematischen wissenschaftlichen Untersuchung gewesen.
Wissenschaftliche Einschätzungen zu diesen Versen aus den letzten 150 Jahren entbehren bislang der Darlegung ihres methodischen Vorgehens oder der Offenlegung der Kriterien zur Einschätzung einzelner Verse. Mit dem Projekt nimmt sich Prof. Deufert dieses Forschungsdesiderats an und gibt eine kommentierte Ausgabe dieser anonymen Beispielverse heraus, in der die Fragmente kritisch ediert und unter der Leitfrage ihrer Herkunft kommentiert werden.
Als Frage nach der Provenienz dieser anonymen Beispielverse formuliert Prof. Deufert zwei Möglichkeiten: Handelt es sich bei ihnen um Zitate aus uns verloren gegangenen Werken der antiken lateinischen Dichtung oder haben römische Metriklehrer wie Apthonius selbst diese Verse erfunden, um ihre metrischen Theorien mit geeignetem Anschauungsmaterial zu unterfüttern?
Für das weitere Vorgehen geht Prof. Deufert davon aus, dass diese anonymen Beispielverse potentielle Fragmente römischer Dichter („Fragmenta dubia poetarum Romanorum“) sind. Dazu wird jeder der anonymen Beispielverse auf dem gegenwärtigen Stand der Fragmenteditionsphilologie kritisch ediert und kommentiert und vor dem Hintergrund der übrigen Beispielverse ausgewertet. Von besonderer Wichtigkeit sind dabei diejenigen Beispielverse bei Apthonius, die erhaltenen Werken römischer Dichter (meist Vergil oder Horaz) zugeordnet werden können. Von dieser vergleichenden Untersuchung des Materials verspricht sich Prof. Deufert methodisch gesicherte Ergebnisse: So werden insbesondere die Formulierungen, mit denen Apthonius seine Zitate einleitet, sowie die Beschaffenheit der Verse hinsichtlich der Themen und Motive, der sprachlich-stilistischen Machart, der syntaktischen Vollständigkeit etc. überprüft.
Daran soll sich zeigen, ob die bereits in der Wissenschaft geäußerte, aber umstrittene Annahme zutrifft, dass eine beträchtliche Zahl der Fragmente einer ansonsten nur schemenhaft kenntlichen Gruppe der sogenannten „poetae novelli“ zugeordnet werden kann. Träfe dies zu, so müsse ein Kapitel der kaiserzeitlichen römischen Literaturgeschichte von Grund auf neu geschrieben werden.
Als Kern des Projekts sieht Prof. Deufert also die geisteswissenschaftliche Pionier- und Grundlagenarbeit einer Erstkommentierung und Edition der anonymen Beispielverse aus Apthonius. Dabei bleibt deren Wirkung nicht auf diesen Gegenstand beschränkt, sondern wird auch die Methodendiskussion auf diesem schwierigen Gebiet der Pseudepigraphie befruchten und den Grundstein für eine weitere Beschäftigung mit anderen anonymen Beispielversen in anderen Werken legen können.