Kommentierte Edition der Briefe von Lotte Laserstein aus dem schwedischen Exil
Die Malerin Lotte Laserstein (1898–1993) zählt zu den bedeutendsten Wieder-entdeckungen der letzten Jahre. Ausstellungen und Ankäufe ihrer Schlüsselwerke durch renommierte Museen in Deutschland, Schweden, Großbritannien und den USA haben ihr künstlerisches Erbe endgültig ins öffentliche Bewusstsein zurückgebracht.
Als eine der ersten Frauen, die in den 1920er Jahren zum Studium an der Berliner Kunstakademie zugelassen worden waren, gelang es Lotte Laserstein erstaunlich schnell, sich in der Kunstszene der Weimarer Republik zu etablieren. Mit ausdrucksstarken Bildnissen selbstbewusster Großstädterinnen, sinnlichen Akten, raffiniert komponierten Selbstporträts und stimmungsvollen Gruppendarstellungen bereicherte sie die Neue Sachlichkeit um eine eigenständige Position. Dass die Malerin hierzulande überhaupt in Vergessenheit geriet, dürfte vor allem mit dem biographischen Bruch und der Emigration nach Schweden zu erklären sein. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten fand die verheißungsvoll begonnene Karriere von Lotte Laserstein ein jähes Ende. Als „Dreivierteljüdin“ wurde sie zunehmend aus dem öffentlichen Kunstleben verdrängt, erhielt Berufsverbot und emigrierte 1937 schließlich nach Schweden, wo sie sich eine neue Existenz aufbaute und bis zu ihrem Lebensende künstlerisch tätig blieb.
Bislang lag der wissenschaftliche Fokus vor allem auf den frühen, zwischen 1927 und 1933 entstandenen Werken, die die moderne, emanzipierte Frau thematisieren – ein Ideal, das Lotte Laserstein ebenso verkörperte wie ihr „Lieblingsmodell“ Traute Rose, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband. Daher fand das rund 10.000 Werke umfassende schwedische Oeuvre (1937–1993), geprägt von den schwierigen Lebensumständen des künstlerischen Neuanfangs, weitaus weniger Beachtung in der Forschung. Mit der kommentierten Edition der Exilbriefe möchte Dr. Krausse dazu beitragen, die Forschungslücke zu schließen und eine Grundlage für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Leben und Werk von Lasersteins schwedischen Jahren schaffen.
Ausgangspunkt ist der dokumentarische Nachlass, der 2009 als Schenkung in die Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur gelangte und etwa 450 handschriftliche Briefe umfasst, die die Malerin zwischen 1946 und 1982 an ihre in Deutschland verbliebene Freundin Traute Rose schrieb. Da Laserstein weder Tagebücher noch autobiographische Aufzeichnungen hinterließ, sind diese Briefe eine entscheidende Quelle für die Rekonstruktion ihres Schaffens im Exil und bieten zudem ausführliche Einblicke in ihre Beziehung zu Traute Rose. Darüber hinaus gewähren sie Einblicke in den Alltag der Künstlerin, der von beruflichen und wirtschaftlichen Herausforderungen geprägt war, und erweitern – durch zahlreiche Verweise auf die gemeinsame Zeit in Berlin – das aktuelle Wissen über ihre künstlerischen Anfänge in der Weimarer Republik. Die Auswertung der Briefe wird voraussichtlich wichtige Impulse für Kunstgeschichte, Exilforschung, Sozialgeschichte sowie Gender- und Queer-Studies liefern und dürfte zudem ein breites Publikum ansprechen.