Die Briefe Felix Hartlaubs (1913-1945). Kommentierte kritische Edition in digitaler Form
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, alle überlieferten Briefe Felix Hartlaubs (1913-1945) erstmals in einer umfassend kommentierten wissenschaftlichen Edition zugänglich zu machen.
Der promovierte Historiker, Schriftsteller und wissenschaftliche Mitarbeiter am Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht Felix Hartlaub wird von der neueren kulturhistorischen Forschung als einer der aufmerksamsten, kritischsten und sensibelsten Beobachter der deutschen Zeitgeschichte insbesondere in den Jahren des „Dritten Reiches“ eingeschätzt.
Durch die Vermittlung seines Doktorvaters, des Kriegshistorikers und George-Schülers Walter Elze, wurde er nach der Promotion 1939 zur historischen Archivkommission des Auswärtigen Amtes in das von der Deutschen Wehrmacht besetzte Paris versetzt, wo er als einschlägig ausgewiesener Historiker die Aufgabe zugewiesen bekam, außenpolitisch brisantes Archivgut aus dem Französischen Außenministerium zu sichten.
Bereits in dieser Zeit der Kollaboration zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich entstanden private Tagebuchaufzeichnungen und literarische Versuche, die aber zeitgenössisch nicht veröffentlicht werden konnten, da sie sich äußerst kritisch mit dem entmenschlichenden Potential der nationalsozialistischen Ideologie und mit der Mentalität der deutschen Besatzer von Paris auseinandersetzten. Seine Schreibversuche führte Hartlaub fort, als er ab 1942 in der Abteilung Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht im Führerhauptquartier in Rastenburg, Winniza (Ukraine), Berchtesgaden und weiteren Standorten mitwirkte und somit im unmittelbaren Zentrum der nationalsozialistischen Macht tätig wurde.
Felix Hartlaub setzte sich also nicht nur als Geschichtsschreiber professionell mit dem Weltkrieg auseinander, indem er – unter der Leitung vor allem von Percy Ernst Schramm – synthetisierende Berichte über den Kriegsverlauf für das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht ausarbeitete, sondern auch, indem er „für die Schublade“ literarische Skizzen schrieb, die sich in einer Art Umkehr der Perspektive nicht etwa mit dem Kriegsgeschehen an der Front, sondern vielmehr mit dem vorwegnehmenden Gehorsam, dem anpasserischen Mitläufertum und dem rücksichtslosen Karrierismus der für die Führung des Krieges Verantwortlichen innerhalb des Führerhauptquartiers auseinandersetzen.
Mehr noch als diese Skizzen sind es jedoch die kontinuierlich überlieferten Privatbriefe an Familie und Freunde, die erklären können, warum, unter welchen Umständen und mit welchen Zielsetzungen der aufgrund seiner Tätigkeit ausgezeichnet informierte Hartlaub Kontakte zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus fand: Hartlaubs stets anschauliche, in späteren Jahren das wirklich Wichtige jedoch meist nur „zwischen den Zeilen” sagenden und daher in besonderer Weise kommentarbedürftigen Briefe sind als eine Geschichtsquelle ersten Ranges anzusehen, insofern ihnen Mitteilungen über seine tägliche Arbeit an einer der bedeutendsten Schaltstellen des nationalsozialistischen Regimes entnommen werden können. Sie sind jedoch auch ein Dokument einer mutigen Haltung, insofern ihr Verfasser das Leben wagte, um seine Freunde aus dem Umkreis der Widerstandsorganisation Harro Schulze-Boysens mit relevanten Informationen zu versorgen.
Die erstmals vollständige Veröffentlichung der Briefe Hartlaubs ist ein wissenschaftlicher Beitrag zur Kulturgeschichte der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Der heuristische Wert der kritischen Edition liegt unter anderem auch darin, die Geschichte des Widerstands als eine Geschichte intellektueller Dissidenz, die sich in teils ästhetisch, teils ethisch gestifteten Zirkeln artikulierte, neu zu akzentuieren und damit die Widerstandsforschung für neuere kulturgeschichtliche Fragen zu öffnen.