Astronomy in Ashkenaz: Instrument Books from Latin into Hebrew
Während die vormoderne wissenschaftliche Produktion von sephardischen Juden weitgehend im Rahmen der arabischen Kultur untersucht wurde, ist das vormoderne wissenschaftliche Vermächtnis der aschkenasischen Juden nur spärlich bezeugt und erforscht.
Dr. Rodríguez-Arribas untersucht im Rahmen dieses Projekts daher den spezifischen Beitrag der aschkenasischen Juden zur Astronomie bis ins 17. Jahrhundert, als das mächtige und überwältigende Erbe der sephardischen Juden zugunsten der aschkenasischen intellektuellen Kultur zu schwinden begann.
Das Forschungsvorhaben ist dabei auf ein außergewöhnliches und anspruchsvolles Korpus der vormodernen praktischen Astronomie konzentriert: mehrere mittelalterliche und frühneuzeitliche hebräische Abhandlungen (teilweise mit farbigen Diagrammen und Bildern illustriert), die den Bau und/oder die Verwendung astronomischer Instrumente erklären. Diese literarische Gattung tauchte im 15. Jahrhundert in Aschkenas in Form der lateinisch-hebräischen Übersetzungen einer Gruppe von „Instrumentenbüchern“ auf. Alle diese Texte beziehen sich auf den deutschen Benediktiner Hermann von Reichenau (11. Jahhundert), der einige lateinische Texte zur Sternenkunde verfasst hat (u. a. „De mensura astrolabii“ und „De utilitatibus astrolabii“).
Dieses hebräische Textkorpus ist nach wie vor die größte Sammlung astronomischen Wissens, die im mittelalterlichen Aschkenas bezeugt ist. Die „Instrumentenbücher“, die in mehreren Exemplaren erhalten sind, zeugen von einem erstaunlich produktiven kulturellen Austausch. Die jüdischen Übersetzer bearbeiteten ihre Originale, verbesserten sie und erweiterten sie auf unterschiedliche Weise in den hebräischen Versionen, die sie erstellten. Sie machten sie auch unverwechselbar jüdisch. Zahlreiche Manuskripte der „Instrumentenbücher“ werden heute in den Bodleian Libraries (Oxford) und der Russischen Staatsbibliothek (Moskau) aufbewahrt.
Dr. Rodríguez-Arribas erforscht dieses spezifische Genre – seine Entstehung, Quellen, Texttradition, Autoren, Schreiber, Leser und Benutzer – und stellt es in den Kontext der wissenschaftlichen Aktivitäten aschkenasischer Juden, mit besonderem Fokus auf die Astronomie. Durch die Analyse der Rezeption der Instrumentenbücher sollen auch neue Erkenntnisse über die jüdisch-christlichen intellektuellen Kontakte und Einflüsse in Europa im Allgemeinen und im Aschkenas im Besonderen gewonnen werden.
Im Einzelnen wird im Rahmen des Projekts untersucht, in welchen aschkenasischen Kreisen die Ergebnisse astronomischer Forschungen aufgenommen wurden, über welche „jüdisch-christlichen Netzwerke“ die lateinischen Fachtexte aschkenasische Leser erreichten, welche spezifischen Umstände und lokalen Gegebenheiten für die Rezeption der Astronomie in Aschkenas verantwortlich sind, warum aschkenasische Juden nicht die angesehene arabische oder hebräische astronomische Literatur, sondern europäische Texte zur Astronomie rezipierten.