Seeing the Non-Existent
Das Ziel des Forschungsvorhabens besteht darin, eine Alternative zu bestehenden (insbesondere repräsentationalen) Theorien der sinnlichen Wahrnehmung zu entwickeln, die dem Geist des „direkten Realismus“ verpflichtet ist.
Dr. Barz stützt sich dabei auf die Theorie „nicht-existierender“ Gegenstände, die ursprünglich von Alexius Meinong (1904) ins Spiel gebracht und später von Terence Parsons (1980), Richard Routley (1980) und Dale Jacquette (1996) weiterentwickelt wurde („nuklearer Meinongianismus“).
Als gedanklicher Ausgangspunkt dient das gegen den „direkten Realismus“ gerichtete „Argument aus der Illusion“, das auf die Schlussfolgerung hinausläuft, dass dem Betrachter materielle Gegenstände niemals, d. h. weder in „günstigen“ Fällen sinnlicher Erfahrungen (korrekte oder „veridische“ Wahrnehmungen) noch in Fällen „ungünstiger“ sinnlicher Erfahrungen (Sinnestäuschungen wie Illusionen, Halluzinationen, Träume), direkt, sondern stets nur indirekt, mittels „Sinnesdaten“, gegeben sind.
Im Rahmen des Projekts argumentiert Dr. Bartz dagegen, dass auch Sinnestäuschungen als direkte Bewusstseinsbeziehungen zu (allerdings) „nicht-existierenden“ Gegenständen aufzufassen seien, die exakt die Eigenschaften hätten, die sie aus der Perspektive des Subjekts zu haben scheinen.
Das Forschungsvorhaben wird in drei Arbeitsschritten durchgeführt:
Der erste Arbeitsschritt besteht in einer ausführlichen Darstellung, Bewertung und Kritik repräsentationaler Wahrnehmungstheorien, dabei insbesondere des „Arguments aus der Illusion“.
Der zweite Arbeitsschritt soll die nach wie vor von vielen geteilten Vorbehalte gegen Meinongs Ideen durch das Aufgreifen der Argumente der Kritiker (z. B. „Kausales Argument“; „Screening-off“-Problem) entkräften beziehungsweise abmildern und die Idee „nicht-existierender“ Gegenstände verteidigen.
Der dritte Arbeitsschritt besteht in dem Versuch, eine eigene philosophische Theorie der Wahrnehmung zu entwickeln, die sich am sogenannten „Disjunktivismus“ orientiert. Eine „veridische“ Wahrnehmung und eine von ihr subjektiv ununterscheidbare Halluzination involvierten – dieser Arbeitshypothese zufolge – keinen gemeinsamen mentalen Zustand (etwa: das Haben qualitativ identischer „Sinnesdaten“), sondern seien ihrer Natur nach verschieden: Eine „veridische“ Wahrnehmung einer Löwin zu haben, bedeute zum Beispiel, in einem direkten Bewusstseinsverhältnis zu einer „existierenden“ Löwin zu stehen, während jemand, der eine genau gleich aussehende Löwin halluziniere, in einem direkten Bewusstseinsverhältnis zu einer „nicht-existierenden“ Löwin stehe. Diese Konzeption werfe dieselbe grundsätzliche Frage auf wie auch andere Versionen des Disjunktivismus: Wie genau lässt sich der Umstand erklären, dass sich die beiden Erfahrungen, die „veridische“ Wahrnehmung und die Halluzination der Löwin, aus der Perspektive des Subjekts nicht unterscheiden lassen – wenn ihnen doch kein gemeinsamer mentaler Zustand zugrunde liegt? Dieses Problem soll mit Hilfe der begrifflichen Ressourcen, die Meinongs Gegenstandstheorie an die Hand gibt, gelöst werden.