Regionale Bildungsdisparitäten in der Migrationsgesellschaft
Ungleiche Bildungschancen sind gut belegte Befunde der sozialen Ungleichheitsforschung. Hauptgründe sind unterschiedliche Startchancen je nach sozialer Herkunft sowie ein Migrationshintergrund. Dieser Befund verkennt allerdings, dass innerhalb der deutschen Bundesländer oftmals eine enorme Varianz von Bildungserfolgen bei Migrantinnen und Migranten vorliegt. Dies ist bemerkenswert, da innerhalb eines Bundeslandes dasselbe föderale Schulsystem, ein einheitliches Schulrecht sowie dieselbe Finanzierungsstruktur vorherrschen. Das Vorhaben sucht deshalb nach zusätzlichen Faktoren, die regionale Ungleichheiten von Bildungschancen bei Migrantinnen und Migranten erklären.
Aus der aktuellen Literatur werden drei Dimensionen hergeleitet, welche die beobachteten Unterschiede theoretisch erklären: Erstens pädagogische Institutionen (damit sind spezifische Kompetenzen und Erfahrungen von Lehrkräften gemeint) sowie die Praxis vor Ort (insbesondere die Frage, ob neu zugewanderte Menschen in separaten oder Regelklassen untergebracht werden). Zweitens die soziale Infrastruktur vor Ort. Hiermit sind unter anderem Aspekte wie Unterbringung und Wohnraum, öffentliche Verkehrsmittel, medizinische und psychologische Versorgung, juristische Beratung, Dolmetscher oder zivilgesellschaftliche Initiativen und Einrichtungen gemeint. Und drittens soziodemographische und ökonomische Faktoren, wie beispielweise das Herkunftsland, die Migrationsform (Arbeitsmigration oder Flucht) oder der Beruf beziehungsweise die Qualifikation der Eltern.
In einem ersten Arbeitspaket werden diese Faktoren in einer bundesweiten Regionalanalyse quantitativ untersucht. Die handlungsleitende Frage lautet: Wie sind die regionalen migrationsbezogenen Bildungsdisparitäten bundesweit ausgeprägt? Als Datensätze dient die Schulstatistik (2011, 2017, 2022), der Mikrozensus (2011, 2022) und der Zensus (2011, 2017. 2022). Aus den Datensätzen lassen sich Bildungsbeteiligung, Schulerfolg, Staatsangehörigkeit, Migrationshintergrund und soziale Herkunft ableiten und gewinnbringend in Verbindung setzen. Die Analysen fokussieren sich somit auf regionalstrukturell bedingte Bildungsergebnisse. Zudem werden Analysen und Reflexionen der Datensätze selbst vollzogen, womit eine systematisch vergleichende Metaperspektive über alle drei Datensätze hinweg entwickelt wird.
Im zweiten Arbeitspaket werden vier kontrastierende, qualitative Fallanalysen in NRW durchgeführt. Bei den kreisfreien Städten Oberhausen und Mülheim handelt es sich um benachbarte Großstädte innerhalb einer Bezirksregierung mit deutlichen Differenzen in der Bildungsbeteiligung der nichtdeutschen Schülerinnen und Schüler. Der Rhein-Erft-Kreis und der Kreis Euskirchen sind benachbarte Landkreise derselben Bezirksregierung, die ebenfalls große Unterschiede aufweisen. Handlungsleitende Frage ist hier: Wie lässt sich das Zustandekommen der Unterschiede bei den Bildungschancen erklären?
Zu den drei oben genannten Dimensionen werden zusätzliche, dichtere Informationen für die vier Fallbeispiele gesammelt. Dazu werden zunächst in den überall in NRW existierenden kommunalen Integrationszentren (KI) ausgewiesene Vertreter identifiziert und problemzentrierte Experteninterviews durchgeführt. In diesen Interviews werden Wissensbestände über die jeweiligen regionalen Konstellationen im Kontext der drei Dimensionen erhoben. Zudem werden auch bedeutsame Akteure und Institutionen der regionalen Integration und Bildungsarbeit ermittelt. Im darauffolgenden zweiten Schritt werden diese identifizierten relevanten Akteure durch offene, leitfadengestützte Interviews befragt.
Die Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden und Daten erlaubt belastbare, empirische Rückschlüsse auf die Faktoren, welche regionale Unterschiede von Bildungschancen bei Migranten erklären können.