Funding Funded Projects Grenze und Transformation. Der epistemische Status philosophischer Erfahrungen

Grenze und Transformation. Der epistemische Status philosophischer Erfahrungen

Seit der Antike zielt die Philosophie nicht nur auf theoretische Einsicht, sondern auch auf persönliche Entwicklung und Transformation. Dabei geht es um ein neues Selbst- und Weltverhältnis, das sich etwa aus existenziellen Erfahrungen ergeben kann, die von der Beschäftigung mit philosophischen Problemen ausgelöst werden. So hat David Hume etwa sehr eindrücklich die persönliche Erschütterung, die von seinem skeptischen Zweifel hervorgerufen wurde, beschrieben. John Stuart Mill und William James berichteten von ihren philosophischen Lebenskrisen, und für Heidegger spielte zum Beispiel die Stimmung der Angst eine wichtige Rolle. Diese „existenzielle Dimension“ der Philosophie wird im Forschungsvorhaben unter dem Begriff der „transformativen philosophischen Erfahrung“ zusammengeführt und genauer untersucht.

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, im Kontext „transformativer philosophischer Erfahrung“ in drei Schritten ein präzises „Konzept erfahrungsmäßiger Einsicht“ zu etablieren.

In einem ersten Schritt werden Formen nichtpropositio­nalen Wissens jenseits von Theorien der Wahrnehmung analysiert, also etwa nichtbegriffliches Wissen
in Wissenschaft, Kunst und Religion und Formen nichtsprachlichen Denkens. Dabei werden u. a. Studien zum Verhältnis von Wissen und Gefühl herangezogen. Außerdem wird geprüft, inwiefern in dieser Frage die Forschungsbereiche der „ästhetischen Erfahrung des ungegenständlichen Erkennens“ und der „intuitiven Er­kenntnis“ einen Beitrag leisten können. Aufbauend auf diese Untersuchungen soll eine These dazu entwickelt werden, wie eine neue Haltung oder Einstellung mit neuen Erkenntnissen, Einsichten oder anderen Formen des Verstehens verbunden sein kann. Die Arbeitshypo­these dazu lautet, dass es eine Form nichtpropositionalen Verstehens gibt, die neben dem praktischen und phä­nomenalen Wissen eine dritte (nichtpropositionale) Erkenntnisform darstellt, was weit über die spezifische Fragestellung des Projekts hinaus von Interesse sein dürfte.

In einem zweiten Arbeitsschritt wird untersucht, inwiefern sich ein aus „transformativer philosophischer Erfahrung“ hervorgegangenes erfahrungsmäßiges Ver­ständnis von Erkenntnisgrenzen in einer Neubewertung „epistemischer Tugenden“ ausdrücken kann, wobei vor allem methodologische Haltungen oder Einstellungen der erkenntnistheoretischen „Bescheidenheit“ (Heidegger) zu erwarten sind. Im Rahmen dieses Arbeitsschrittes wird u. a. an Überlegungen über eine philosophisch relevante Erkenntnisgrenze der Mathematik (die Cantorsche Anti­nomie; B. Russels Erkenntnis der epistemischen „Unein­holbarkeit“ des Gegenstandsbereichs der Mathematik; Wittgensteins Schlussfolgerungen bezüglich der „gene­rellen Unbegründbarkeit“ der menschlichen Praxis all­gemein und der Praxis der Mathematik im Speziellen) angeknüpft.

Im dritten Arbeitsschritt wird untersucht, wie die Philosophie mit textlichen und nicht-textlichen Mitteln transformativen Erfahrungen Ausdruck verleihen bzw. diese hervorrufen kann. Dabei werden neben der argu­mentativ-theoretischen Philosophie auch literarisch-vergegenwärtigende Formen des Philosophierens unter­sucht, z. B. das „Konzept des nicht-doktrinären Philosophierens“ von Michael Hampe, der Bücher im Modus narrativer Philosophie verfasst, die auf den Nachvollzug experimentellen philosophischen Denkens ange­legt sind. Ebenso werden nicht-textliche Formen des Philosophierens in den Blick genommen, z. B. das „Konzept des klassischen sokratischen Gesprächs“, das in den letzten Jahrzehnten in der Bewegung der philosophischen Praxis wieder aufgegriffen wurde, oder das „Konzept des filmischen Denkens“.

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