Affektive Archive – Auslandsreisen von Künstlerinnen und Künstlern zur Zeit der DDR
Dass die DDR eine Politik der strikten Abschottung verfolgte, die sich unter anderem in der Einschränkung der Reisefreiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger ausdrückte, ist allgemein bekannt.
Kaum bekannt hingegen ist die Tatsache, dass es vielen Künstlerinnen und Künstlern trotzdem ermöglicht wurde, ins Ausland zu reisen. Die Konditionen für solche Reisen waren sehr unterschiedlich und in komplexer Weise mit der Innen- und Außenpolitik der DDR verwoben, sodass die Anlässe für diese Reisen ebenfalls unterschiedlich waren und von Studienreisen – die meist in die Sowjetunion oder in die sozialistischen „Bruderländer” in Asien, Afrika und Lateinamerika führten – über Ausstellungsprojekte bis hin zu künstlerisch begleiteten Delegationen im Auftrag des Staates reichten. Der Fotograf Harald Kirschner z. B., der 1986 eine Fotographie-Ausstellung in Syrien betreute, wurde eingeladen, den Verband (VBK) im Ausland zu vertreten. Andere Künstlerinnen und Künstler bemühten sich eigenständig um Reisemöglichkeiten, etwa weil sie Ausstellungen im Ausland sehen wollten oder auf der Suche nach Inspiration waren.
Die von den Künstlerinnen und Künstlern erlebten Erfahrungen und Eindrücke, die während oder nach den Reisen künstlerisch verarbeitet wurden, haben in der Forschung bislang nur wenig Beachtung gefunden. Prof. Schankweiler möchte die Lücke in der Forschung schließen und unter Berücksichtigung von sensiblen Archivquellen und emotional aufgeladenen Erinnerungen die affektive Dimension dieses Teils der Kunstgeschichte angemessen thematisieren. Ausgehend von 40 Fallbeispielen bekannter und weniger bekannter Künstlerinnen und Künstler der DDR wird das Spannungsfeld zwischen Reisebeschränkung, Kulturpolitik und privaten Interessen beschrieben und analysiert, wobei neben den Kunstwerken, die im Zusammenhang mit Auslandsreisen entstanden sind, unterschiedliche Quellenkorpora aus verschiedenen Archiven und Museen (u. a. Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus) herangezogen werden. Die Archivalien werden in Verbindung mit Zeitzeugenberichten ausgewertet, die im Zuge von Videointerviews mit Künstlerinnen und Künstlern sichergestellt werden. Dabei geht es u. a. um die Frage, wem welche Reise aus welchem Grund genehmigt oder abschlägig beschieden wurde. Wie liefen die Reisen ab und wie wirkten sich Reiseeindrücke bzw. ablehnende Bescheide auf die künstlerische Praxis aus etc.?