Vielschichtigkeit und Multivalenz: Basilika B und die zitatreiche Sakralarchitektur Resafas (Syrien) in Zeiten frühchristlicher Spaltung
Die im Nordosten Syriens gelegene Stadt Resafa ist seit Anfang der 1950er Jahre Gegenstand systematischer archäologischer Forschung.
Dr. Hof war bereits an fünf Arbeitskampagnen vor Ort beteiligt, konnte ihre Forschungsergebnisse zur Stadtmauer in der Buchreihe „Resafa“ als Habilitationsschrift 2020 publizieren (Bd. 9,1) und ist darüber hinaus als Mitautorin und Mitherausgeberin an dem „Atlas-Band“ (8,2) beteiligt, der mit Hilfe der Stiftung fertiggestellt werden konnte. Darin behandelt Dr. Hof u. a. auch das publizierte Wissen zur Basilika B, wobei sie die Entwicklung des gesamten Areals rekonstruiert: von den ersten Strukturen und Artefakten des 1. Jahrhunderts n. Chr. und den beiden Vorgängerbauten des 5. Jahrhunderts in Lehmbauweise über die 518 begonnene und bereits seit dem späteren 6. Jahrhundert als Steinbruch genutzte Basilika bis hin zur Überbauung mit Wohnhäusern ab frühislamischer Zeit. In dem Beitrag konnte das unerschlossene Archivmaterial des Bauforschers Wolfgang Müller-Wiener (1923– 1991), bei dem es sich im Kern um eine in den 1950er Jahren erarbeitete, aber unveröffentlicht gebliebene Dokumentation der Ruine handelt, nicht berücksichtigt werden.
Im ersten Abschnitt der auf zwei Teile angelegten Studie wird auf Basis von Müller-Wieners Dokumentation zur Basilika B die Vielschichtigkeit des Sakralbaus umfassend aufgearbeitet. Der im Resafa-Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts aufbewahrte Bestand umfasst Müller-Wieners Tagebuch, in dem die meisten Kampagnen verzeichnet sind; zudem enthält es rund 130 Zeichnungen. Im Zuge des Projekts werden die in den Aufzeichnungen enthaltenen Hinweise mit den Erkenntnissen verknüpft, die erst nach der Auseinandersetzung mit dem Material entdeckt wurden, darunter die Bauinschrift, die den Baubeginn der Basilika B in das Frühjahr 518 datiert, und die Tatsache, dass von den ursprünglich 24 Säulen der ausgeraubten Ruine 20 Säulen in der Basilika A Wiederverwendung fanden. Eine erste Evaluation dieser Säulen durch Abgleich mit Maßverhältnissen ihrer ursprünglichen Aufstellung deutet darauf hin, dass es sich bei Basilika B nicht um eine eingeschossige Säulenbasilika, sondern um eine zweigeschossige Emporenbasilika gehandelt haben muss, was für die Region sehr ungewöhnlich ist und auf typologische Vorbilder in Konstantinopel und im ägäischen Raum verweist. Sollte sich die Vermutung bestätigen, wäre mit Blick auf Resafas Kirchenbaulandschaft zu klären, warum die vier Großkirchen der Stadt jeweils unterschiedliche Bautypen repräsentierten – Weitarkadenbasilika, Dreikonchenbasilika, Säulenbasilika und Emporenbasilika.
Die Frage zum heterogenen Gesamtbild der Sakralarchitektur Resafas im frühen 6. Jahrhundert bildet den Übergang zum zweiten großen Themenblock, bei dem es darum geht, die Ursachen für die Uneinheitlichkeit der Bauformen im Wallfahrtsort vor dem Hintergrund der Kirchenspaltung im 5./6. Jahrhundert und den davon ausgehenden Einflusskräften auf die Entscheidungsträger vor Ort zu erforschen. Genau in die Planungs- und frühe Bauzeit der Basilika B fiel z. B. der zu leistende „Zwangs-Eid ‚libellus fidei‘“ (515/519) an Papst Hormisdas, dem sich im Osten viele Bischöfe widersetzten und damit ihre Existenz und ihr Leben riskierten. Wo stand der Bischof von Resafa? Lässt sich in der Varianz der Kirchenbauformen in Resafa möglicherweise ein ‚gebautes Henotikon‘ (am Kompromiss orientiert) oder ein ‚steingewordener (Neo-)Chalkedonischer Machtausdruck‘ (als Durchsetzung des Siegers) erkennen? Die sakrale Vielfalt könnte mit der divergierenden Christologie eine Erklärung finden, sie könnte aber auch eine Demonstration imperialer Wirkmacht gewesen sein. Sollte in Resafa ein ‚Idealstadt‘-Konzept des Kaisers umgesetzt werden, wie z. B in Justiniana Prima (ab 535), wo ebenfalls alle Kirchen unterschiedlichen Vorbildern folgten? Hatte vielleicht das Zusammentreffen vieler Bauleute Einfluss auf die architektonische Bandbreite oder wurden mit den unterschiedlichen Bauformen gezielt ‚lokale‘ und ‚globale‘ Identifikationsbedürfnisse bedient?
Im Anschluss an die geplante Publikation der Ergebnisse im Bd. 9, 3 der Reihe Resafa sollen die Basisdaten, insbesondere der aufbereitete Nachlass von Wolfgang Müller-Wiener, langzeitarchiviert und als Forschungsinstrumentarium im Online-Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts zur Verfügung gestellt werden.