Das „Bildarchiv Bruckmann‟: Ökonomie, Fotographie und Kunstgeschichte um 1900
Das Bildarchiv des 1858 gegründeten und in München ansässigen Bruckmann-Verlags wurde 2016 vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München übernommen.
Damit steht der gänzlich unerschlossene Bestand von mehr als 150.000 fotografischen Medien nun erstmals der Forschung zur Verfügung. Es handelt sich dabei um das visuelle Zeugnis der größten Verlags- und Druckanstalt auf dem Gebiet der Kunstpublizistik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Die Reproduktionen zeigen vor allem Gemälde, aber auch Zeichnungen, Architekturen, Skulpturen und Ausstellungsansichten. Im Bruckmann-Verlag erschienen wissenschaftliche Standardwerke sowie die im deutschsprachigen Raum bald einflussreichste illustrierte Kunstzeitschrift „Die Kunst für Alle“ (ab 1885). Über den Handel hat Bruckmann zudem berühmte Werke der Kunstgeschichte in originalen oder gedruckten Fotographien vertrieben und sowohl preiswerte als auch hochwertig ausgeführte Künstlerinnen- und Künstlermonographien sowie Mappenwerke herausgebracht.
Das zwischen 1860 und 1990 zusammengekommene Material zeichnet sich durch eine große materielle und motivische Vielfalt aus. Der Hauptteil besteht aus rund 110.000 Positiven (Cyanotypien, Albumine, Aristotypien, Platinotypien, Silbergelatineabzüge) und rund 40.000 Negativen (Kollodium-Nassplatten, Gelatine-Trockenplatten, Cellulosenitratfilme), die zum größten Teil auf eigene Fotokampagnen zurückgehen. Die Materialien sind einsortiert, gestempelt, aufgezogen, beschriftet und kategorisiert. Anzeichnungen und schriftliche Anweisungen auf den Trägerkartons oder auf den Abbildungen selbst zeugen von den geläufigen Praktiken der Retuschen, die zu den gängigen Arbeiten in der Verlagsanstalt gehörten. Insbesondere an den großformatigen Negativen zu den verlagseigenen Fotokampagnen, die Bruckmann zwischen 1895 und 1913 in europäischen Sammlungen unternahm, lassen sich die Spuren dieser historischen Bildoptimierungstechniken als individuelle Retuschen an Einzelaufnahmen ablesen.
Mit der Vorstellung, dass die Fotographie die Welt erfassbar, darstellbar und damit greifbar mache, war um 1900 die Idee aufgekommen, dass im Rückkehrschluss damit auch das ‚Bild der Welt‘ kontrolliert werden könne. Hier setzt das Forschungsvorhaben an, dessen Zielsetzung es ist, das Verhältnis von Fotographie, Kunstgeschichte und Kapitalismus am Beispiel des international agierenden Verlags zu untersuchen. Der zeitliche Rahmen wird durch den Erwerb der Lizenzen für die neue Photogravüre-Technologie und das autotypische Verfahren (1883) und den Beginn des Ersten Weltkriegs bestimmt (1914). Mit der Studie soll geklärt werden, ob und inwiefern die kommerzielle Fotographie- und Kunstgeschichte kulturpolitisch instrumentalisiert worden ist. Anhand der zahlreichen Bildmanipulationen lassen sich Eingriffe in das Kunstwerk nachweisen, die bestimmte Intentionen und marktwirtschaftliche Interessen erkennen lassen. Welche Rolle spielte sowohl in ästhetischer als auch in technischer Sicht der Einsatz oder der Verzicht von Farbe in den Verlagspublikationen? Welche Bildpolitiken stehen dahinter und was lässt sich daraus über die Inszenierung etwa von modernen oder außerhalb des europäischen Kanons liegenden Kunstwerken ablesen?
Angesichts des großen Quellenkonvoluts führt Dr. Lampe drei Fallstudien durch. In der ersten Studie wird der Bruckmann-Verlag anhand seiner Fotokampagnen als Bildproduzent auf dem schnell wachsenden Markt der Foto- und Kunstanstalten und in seiner Rolle innerhalb des Kunstsystems des ausgehenden 19. Jahrhunderts historisch eingeordnet. Sodann wird eine exemplarische Untersuchung zu Arnold Böcklin vorgenommen, um zu zeigen, wie der Verlag mit dem reproduzierten Gesamtwerk eines zeitgenössischen Künstlers umgegangen ist (unterschiedliche Reproduktionen zu 411 Werken). In der letzten Fallstudie werden ebenfalls Fragen zu strategischen Überlegungen seitens des Verlags beantwortet, indem die 1910 für die „Ausstellung von Meisterwerken muhammedanischer Kunst“ hergestellten Fotographien untersucht werden (485 Fotographien, davon 15 handkoloriert).