Die Natur vernünftiger Fähigkeiten. Eine aristotelische und enaktive Theorie verkörperter Vernunft als Grundlage einer Philosophie der Psychologie
Dr. Melichar hat mit diesem Forschungsprojekt zum Ziel, die Grundlagen einer aristotelisch-enaktiven Philosophie der Psychologie mit dem Fokus auf verkörperte, vernünftige Fähigkeiten zu entwickeln. Mithilfe von aristotelischen Begriffen und zeitgenössischen kognitionswissenschaftlichen Forschungen soll eine Antwort auf die Frage nach der Natur der Vernunft gegeben werden. Es soll damit ein positives Bild des animal rationale entwickelt werden, das sowohl die Kontinuität des Menschen mit der Natur als auch die Besonderheit seiner vernünftigen Fähigkeiten berücksichtigt.
Methodisch greift Dr. Melichar dafür zum einen auf den (nicht-reduktiven) aristotelischen Naturalismus zurück. Er bietet Ressourcen für die Konzeptualisierung des Geistes als verkörpert und vernünftig, weil die aristotelische Tradition die Vernunft stets als das charakteristische Merkmal des Menschen verstanden hat. Zum anderen baut das Projekt auf verkörperungstheoretischen Ansätzen aus den Kognitionswissenschaften auf, die den menschlichen Geist als enaktives Phänomen betrachten. Diese betonen den autopoietischen und autonomen Charakter von organischen Systemen, die in aktiver und intentionaler Weise mit ihrer Umwelt sensomotorisch interagieren und „kognitive Strukturen“ emergieren. Hier wird überprüft, ob sich der Enaktivismus mit den Ansätzen aus der Phänomenologie und dem Idealismus verbinden lässt.
Das Projekt wird in vier Schritten entwickelt:
Im ersten Abschnitt wird die folgende Problemstellung analysiert: Epistemische Normativität sperrt sich als Bedingung der Möglichkeit von Theoriebildungen gegen die reduktive Naturalisierung. Diese Problemstellung ergibt sich aus Kants transzendentalphilosophischer Analyse der Vernunft: Analog zum zweiten Postulat der praktischen Vernunft stellt sich auch für die theoretische Vernunft die Frage, wie sich deren transzendental-normative Dimension zur empirischen Psychologie verhält. Diese Frage ist auch für die zeitgenössische Philosophie relevant, wie in einem zweiten Schritt gezeigt werden soll. Dafür werden die Argumente gegen die Naturalisierbarkeit der Vernunft (u. a. Kripke, Plantinga, Putnam) untersucht. Dabei soll gezeigt werden, dass ihnen ein transzendentales Argument zugrunde liegt. Dieses Argument erlaubt, die offene Frage, die anhand von Kant aufgeworfen wurde, präzise zu fassen.
Im zweiten Abschnitt wird der aristotelische (nicht-reduktive) Naturalismus als Theorierahmen für die Problemstellung fruchtbar gemacht. Das soll im Ausgang vom „Hylemorphismus“ als dem zentralen metaphysischen Begriff des aristotelischen Naturalismus gelingen, der für die Philosophie der Psychologie erarbeitet wird. Unter Hylemorphismus ist die aristotelische Auffassung zu verstehen, dass Entitäten in zwei Aspekten analysiert werden müssen: ihre substantielle Form und ihre Materie. Der Begriff der substantiellen Form wird dabei vom Paradigma des Lebewesens verstanden, dessen Besonderheit darin besteht, seine Identität im Wandel und in der aktiven Verwirklichung von Potentialen zu erhalten. Um den aristotelischen Ansatz für die Philosophie der Psychologie fruchtbar zu machen, soll gezeigt werden, dass der Begriff der substantiellen Form die epistemische Normativität integrieren kann, die für den Begriff des Geistes kennzeichnend ist, und auch einen gangbaren Weg darstellt, geistige Wesen in Kontinuität und als Teil der Natur zu verstehen.
Im dritten Abschnitt wird der aristotelische Begriff der vernünftigen Fähigkeit mit enaktivistischen Ansätzen verbunden. Dabei wird argumentiert, dass die Begriffsrahmen des aristotelischen Naturalismus und des Enaktivismus weitgehend konform gehen und sich darüber hinaus sinnvoll ergänzen. Durch seine dynamische und systemtheoretische Konzeption von Organismen kann der Enaktivismus die Kontinuität zwischen den Eigenschaften von Lebewesen und Eigenschaften des Geistes plausibel machen („life-mind continuity thesis“). Die verkörperten Interaktionen mit der Umwelt zeigen dabei bereits eine Form von Normativität, die als „sense-making“ beschrieben wird. Im Kontext des menschlichen Geistes ist der intersubjektive Einfluss auf diese Interaktionen entscheidend, der als „participatory sens-making“ bezeichnet wird. Hier wird der Begriff der vernünftigen Fähigkeit in den Enaktivismus eingebracht. Die aristotelische Fassung dieses Begriffes zeigt, dass die Normativität der Erkenntnisfähigkeiten weder durch das Ziel der Selbsterhaltung, das dem „sense-making“ zugrunde liegt, noch der Adaptivität, das dem „participatory sense-making“ zugrunde liegt, hinreichend erfasst wird. Ziel ist es, die vernünftigen Fähigkeiten als dynamische Entelechie in der Organisation von Organismen zu konzipieren, die als Entelechie auf eigene Zwecke ausgerichtet ist.
Im vierten Abschnitt wird der Begriff der verkörperten, vernünftigen Fähigkeit mit der aristotelischen Konzeption des gelingenden Lebens verbunden. Dadurch wird der Bogen zurück zum normativen Begriff des „human flourishing“ in Psychologie und Psychiatrie geschlagen. Dafür werden zwei Aspekte näher untersucht. Zum einen ist der „soziale Charakter“ der Vernunft schon im Begriff des „participatory sense-making“ impliziert. Die soziale Dimension der Vernunft wird daher durch die enaktivistische Perspektive begründet und erhellt. Zum anderen argumentiert Dr. Melichar, dass die vernünftigen Fähigkeiten als originäre Quellen von Zielen und damit als Entelechie verstanden werden müssen. Dr. Melichar möchte hier die grundlegende Funktion dieser Ziele für die Autonomie des menschlichen Lebens und die Rolle der vernünftigen Fähigkeiten für die psychische Gesundheit erläutern.