The shadow of democracy: Rising autocratization in democracies
Demokratische Systeme, die eigentlich als konsolidiert galten, sehen sich zunehmend mit autokratischen Herausforderungen konfrontiert.
Neben dem prominenten Beispiel Ungarn galt dies in jüngster Zeit auch für Länder wie Südkorea, Benin oder Venezuela. Dabei ging man lange Zeit davon aus, dass es sich selbst verstärkende Effekte geben müsste, die eine demokratische Konsolidierung nachhaltig machen. So geben demokratische Strukturen demokratischen Kräften politische Macht, was stabilisierend wirken kann. Auch kann eine gemeinsame demokratische Erfahrung zu gemeinsamen Werten und Vorstellungen führen. Dennoch verfallen demokratische Staaten immer wieder in autokratische Muster.
Unter Autokratisierung wird dabei jeder Schritt verstanden, der ein politisches System von einer idealen Demokratie entfernt. Autokratisierung lässt sich damit sowohl in demokratischen als auch in nicht-demokratischen Ländern beobachten. Bislang gibt es wenig systematisches Wissen darüber, warum einige Länder hierfür anfälliger sind als andere. Auch gibt es kaum Untersuchungen, die sowohl demokratische als auch nichtdemokratische Länder vergleichend untersuchen. Hier setzt Prof. Gessler mit ihrem Projekt an.
Sie geht davon aus, dass drei Faktoren Demokratien stabiler machen: politische Opportunitätsstrukturen, verstanden als Möglichkeiten der Opposition zur politischen Mitgestaltung, Demokratisierungserfahrungen, verstanden als konkrete Handlungen (wie Wahlen) von Individuen oder Institutionen, und ein demokratisches Vermächtnis, womit ein nachhaltiges, dauerhaftes Verständnis von Demokratie innerhalb einer Gesellschaft gemeint ist. Folgende Hauptforschungsfrage wird nun adressiert: Wie beeinflussen politische Opportunitätsstrukturen sowie die Demokratieerfahrungen eines Landes Prozesse der Autokratisierung? Außerdem: Sind Demokratien resilienter als andere Regime im Angesicht von Autokratisierungsprozessen? Gibt es einen Unterschied zwischen demokratischen und nichtdemokratischen Ländern hinsichtlich des Umgangs mit politischer Opposition? Und unter welchen Bedingungen kann Autokratisierung in demokratischen Ländern gestoppt werden?
Für Fallstudien wurden sowohl Länder ausgewählt, die sich nachhaltig von einer Demokratie in ein autokratisches Land entwickelt haben, als auch solche, bei denen diese Versuche nicht erfolgreich waren. Mittels des „Varieties of Democracy“ Datensatzes, der Episoden von Regimetransformationen quantitativ beschreibt, wurden sechs Beispiele ausgesucht: Honduras und Serbien verfügen über kein demokratisches Vermächtnis, Ungarn und Bolivien hingegen schon. Außerdem werden Bolivien und Polen analysiert, wo kein nachhaltiger autokratischer Regimewechsel stattfand.