Religiöses Säkulares in französischen und deutschen Texten des 12. Jahrhunderts
Die für mittelalterliche volkssprachliche Literatur gängige Unterscheidung in ,geistliche‘ und ,weltliche‘ Texte (wobei den letzteren alles subsumiert wird, was nicht explizit Religiöses behandelt) ist kaum trennscharf haltbar, weil auch säkulare Literatur im Mittelalter immer im Rahmen des christlichen Weltbilds steht und mit ihm dialogisiert. Eine klarere Konturierung beider Kategorien wurde deshalb bereits als Forschungsdesiderat benannt, das nun mit diesem Projekt erfüllt werden soll.
Betrachtet wird der Zeitraum 1150-1215, d. h. die zweite Hälfte des ‚langen‘ 12. Jahrhunderts bis zum IV. Laterankonzil (1215). Darin verdichteten sich Innovationen von Glaubensinhalten und religiöser Praxis (Bettelorden, Predigten in der Volkssprache etc.), wovon auch und gerade die weltliche Literatur zeugt.
Um den Stellenwert von Säkularität – durch die Beobachtung transnationaler Synergien und v. a. auch nationaler Differenzen in jener kulturell-religiösen Umbruchsphase – klarer zu erkennen, wird zudem eine komparatistische Perspektive ausgespannt: zwischen altfranzösischer und mittelhochdeutscher Erzählliteratur, die beide im 12. Jahrhundert blühten und sich ausdifferenzierten. Das Korpus bilden Stoffkreise, die u. a. infolge französischer Einflüsse in beiden Sprachen bearbeitet wurden: Artus-, Tristan- und Alexandertexte, teils hochkanonische, teils kaum beforschte höfische Versromane, punktuell ergänzt um weitere höfische, antike oder byzantinische Epik sowie Versdichtungen („lais“). Der Fokus liegt auf Texten, denen in jenem Jahrhundert geistliche ‚vanitas‘ und ein Wirkziel des ‚delectare‘ (Unterhaltung) zugeschrieben wurde, weil für sie das Verhältnis zur Vermittlung religiöser Wahrheiten speziell prekär ist.
Zu heuristischen Zwecken werden drei verzahnte Untersuchungsfelder definiert: Als Feld A profilieren Prof. Friede und Dr. Bowden das Konzept des ‚religiösen Säkularen‘ und klären, ob und inwieweit mittelalterliche säkulare Texte Unabhängigkeit vom Religiösen erreichen (können) und welche Arten des Umgangs mit Religiösem (Messe, Riten etc.) sie zeigen. In kritischer Absetzung von zwei verbreiteten, aber widersprüchlichen Metanarrativen der Forschung – dass die volkssprachliche Literatur im Mittelalter v. a. als Medium der Laiendidaxe diente oder dass ihre Literarizität gerade als ‚Emanzipation aus der Religion‘ und Säkularisierung entstand – wollen Prof. Friede und Dr. Bowden das 12. Jahrhundert v. a. als Epoche experimentellen Denkens und Praktizierens lesen und beleuchten, wie Religiöses in säkularen Texten ‚für sich genommen‘ auftritt, Bedeutung stiftet und für die Leserschaft handlungsanleitend wirkt.
In Feld B wird angesetzt, dass sich die gleitenden Übergänge von Säkularem und Religiösem v. a. an den Raum- und Zeitkonzeptionen der Texte zeigen, die dafür korreliert untersucht werden: Wie werden weltliche Stoffe und ihre Religionsdarstellungen diskursiv durch religiöse Raum- und Zeitkonzepte gerahmt (framing)? Werden säkular-zirkuläre und heilsgeschichtliche Modelle verschränkt? Hierzu werden auch ausgewählte Handschriften analysiert. In Feld C wird studiert, wie sich Relationen von Religiösem, Heiligem und Säkularem in Gegenständen ‚verkörpert‘ zeigen (etwa in Lanzen): Welche Dinge werden mit welchen religiösen oder säkularen Diskursen verknüpft? Welche poetische oder intendierte lebenspraktische Funktion hat der jeweilige Konnex? Welche agency religiöser Dinge oder Formen religiöser Performanz sind feststellbar?
Methodisch speist sich das Projekt sowohl aus der deutschen ‚Romanischen Philologie‘ als auch der anglophonen germanistischen Mediävistik und integriert als Methoden: close readings, intertextuelle Analysen, historische Narratologie und kulturgeschichtliche Kontextualisierungen. V. a. wird eine praxeologische Perspektive ausgearbeitet. Denn die Texte konzipieren und motivieren außertextliches, lebensweltliches Handeln. Bestehende Praxistheorien (etwa Konzepte von Kultur als Bündel wissensbasierter Praktiken etc.) werden auf ihre Übertragbarkeit auf mittelalterliche Texte überprüft, um das darin gezeigte Handeln und seine Motivationen auf seine poetologische und pragmatische Funktion hin auszuwerten – im Licht der historischen Semiotiken, Produktions- und Rezeptionsbedingungen, Autorisierungs- und Inszenierungspraktiken und spirituellen Weltentwürfe.