Funding Funded Projects Kinoerzählen in Ostafrika: Eine intermediale Praxis an der Schnittstelle von Film und mündlicher Erzählung

Kinoerzählen in Ostafrika: Eine intermediale Praxis an der Schnittstelle von Film und mündlicher Erzählung

Das Kinoerzählen entstand während der Stummfilmära, als Erzähler während der Vorführung die Figuren des Films zum Sprechen brachten und deren Handlungen kommentierten. Diese Ära endete in Europa, Amerika und Asien mit Einführung des Tonfilms.

In Afrika hat das Kinoerzählen ursprüng­lich eine andere Funktion gehabt und geht auf die Kolonialregierungen zurück. Mit mobilen Kinowagen sollte die Bevölkerung auf dem Land „erzogen“ werden. Dabei wurden afrikanische Kommentatoren angeheuert, die die Filme für die Zuschauer live und per Lautsprecher übersetzten und kommentierten. Nach der Unabhängig­keit ist die Praxis des Kinoerzählens in Ostafrika unter neuen Vorzeichen fortgeführt worden und erlebte seit Einführung der Videotechnologie und der Professionali­sierung der Kommentatoren eine Renaissance. Dabei werden Filme fremder Herkunft sprachlich und kulturell von sogenannten veejays übersetzt und gedeutet. Diese Live-Erzählungen der videojockeys erfreuen sich einer ebenso großen Beliebtheit wie die kommentierten DVDs, die in Videotheken gekauft oder geliehen werden können. Inzwischen hat das Kinoerzählen auch Aufmerksamkeit durch die inter­nationale Presse erfahren und europäische Künstler dazu inspiriert, veejays und ihre Arbeit in ihre multimedialen Kunstprojekte zu integrieren.

Dr. Böhme untersucht im Rahmen der Studie das Kinoerzählen als intermediale Praxis in Ostafrika und versucht, die For­schungslücken im Bereich der Geschichte des Kino­erzählens, der Livekommentierung und der Rezeption kommentierter Filme zu schließen. Im Fokus stehen Rela­tion, Gewichtung und Hierarchie von Filmbild, Filmton, Sprache und mündlicher Erzählung sowie die Beziehung und Interaktion zwischen Erzähler und Publikum.

Die Untersuchung ist vergleichend angelegt und wird in den drei benachbarten Ländern Tansania, Kenia und Uganda durchgeführt. Die Auswahl ist insofern naheliegend, als das Kinoerzählen in den drei Ländern über eine starke Tradition verfügt und die jeweiligen Metropolen, Dar es Salaam, Nairobi und Kampala, als popkulturelle und künstlerische Zentren erachtet werden können. Über den Vergleich rekapituliert Dr. Böhme die regionale Genese der intermedialen Erzählgattung und arbeitet länder- oder lokalspezifische Formen des Kinoerzählens heraus. Dabei vollzieht sie die Entwicklungsgeschichte des Kinoerzählens in Ostafrika von einer ursprünglich informellen Praxis im Kinoraum zu einem institutionalisierten Gewerbe nach und analysiert die gegenwärtige Praxis des Kinoerzählens. Welchen Stellenwert hat der kommerzielle Ver­trieb der DVDs und wo bzw. warum konnte sich die Live­kommentierung von Filmen halten?

Mit Blick auf die im Studio produzierten, eingesprochenen Filme möchte Dr. Böhme klären, wie die Technik und die kommer­zielle Massenproduktion übersetzter Filme die Erzählung verändert haben und wie sich die Live-Interaktion von einer imaginierten Interaktion mit dem Publikum unter­scheidet. Sodann geht es um die Rezeption der Filme und die Frage, wie die Zuschauer auf den Erzähler eingehen und welchen Einfluss sie auf das Erzählte nehmen. Wie kommentieren die Zuschauer einen kommentierten Film und wie werden Film und Kommentar des Erzählers reflektiert?

Zuletzt möchte Dr. Böhme die Frage nach der Aneignung der ostafrikanischen Praxis durch europäische Künstler erörtern. So hat der Leipziger Künstler Maix Mayer für seine Kunstprojekte zwei tansanische Filmerzähler enga­giert, um DEFA-Filme auf Swahili zu kommentieren, während der schwedische Künstler Markus Öhrn Filme von Ingmar Bergman auf Luganda erzählen ließ. Die künstlerischen Arbeiten werden als Aneignungs-, Trans­formations- und Umkehrungsprozesse analysiert. Welche Ideen verfolgen die Künstler und welche Katego­risierungen, Stereotypisierungen und Machtgefälle werden dabei konstruiert oder dekonstruiert?

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