Experimental argument analysis: Reasoning with stereotypes
Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Methode der Experimental Argument Analysis (EAA) auf philosophische Argumentationen anzuwenden.
Die Experimental Argument Analysis ist ein Verfahren der Experimentellen (Sprach-)Philosophie, die es ermöglicht, durch Anwendung moderner psycho-linguistischer Testverfahren (u. a. Beobachtung der Augenbewegungen, Messung von Gehirnströmen) das Sprach- und Leseverständnis von Probanden zu analysieren. Ein in diesem Zusammenhang diskutiertes Problem ist das Phänomen des „salience bias“, der „Verständnis-Verzerrung durch Voreingenommenheit“ bei der Wahrnehmung von Dingen. In Fallstudien konnte beobachtet werden, dass Menschen dazu neigen, die auffälligsten oder hervorstechendsten Informationen zu betonen, wenn sie Ursachen von Verhaltensweisen oder Situationen erklären sollen. Ein Beispiel für dieses Phänomen ist eine Person, die eine Nachrichtensendung schaut und mehrere Nachrichten über Gewalt in ihrer Stadt sieht. Obwohl sich die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Gewalt zu werden, nicht geändert hat, ist die Erinnerung an die (gesehene) Gewalt (häufig) so dominant, dass sich die Person verletzlicher fühlt, wenn sie ausgeht. Das Beispiel macht also deutlich, dass aus den durch die Nachrichten vermittelten Informationen falsche Schlussfolgerungen gezogen werden.
Der Fokus des Forschungsvorhaben ist auf Verständnisschwierigkeiten bei polysemen Wörtern, d. h. Wörtern mit mehreren verschiedenen, aber verwandten Bedeutungen (z. B. „see her hat“; „see her point“), gerichtet. Polyseme machen mindestens 40 Prozent der Wörter in Sprachen aus und spielen auch eine Schlüsselrolle im philosophischen Diskurs, da Philosophen oft vertraute Wörter in neuen Zusammenhängen verwenden, z. B. um neue Phänomene zu beschreiben. Diese Anwendung von bekannten Begriffe auf neue Zusammenhänge führt jedoch – so die These des Projekts – häufig zu einem falschen Verständnis der polysemen Wörter.
Prof. Fischer und Prof. Engelhardt überprüfen an Beispielen aus der Alltagssprache sowie philosophischen Argumentationen (insbesondere aus dem Bereich der Erkenntnistheorie, Philosophie des Geistes, Metaphysik), ob und inwiefern bestimmte „dominante“ Bedeutungszuschreibungen bei polysemen Wörtern zu Missverständnissen und Trugschlüssen führen. Mit Hilfe der Experimental Argument Analysis untersuchen sie, wie in philosophischen Argumentationen „automatische Schlussfolgerungen“ („stereotypical inferences“; „automatic comprehension inferences“) das Denken von Philosophen prägen und wann und warum „automatische Sprachprozesse“ selbst „kompetente Denker“ dazu bringen, Schlussfolgerungen zu ziehen, die sie eigentlich ablehnen sollten.
Im Sinne des methodischen Pluralismus werden mit diesem Projekt neue Wege in der Kombination von Eye-Tracking-Methoden aus der Psycholinguistik mit hermeneutischen und analytischen Methoden aus der Philosophie beschritten.
Damit knüpfen Prof. Fischer und Prof. Engelhardt an ihre früheren experimentellen Untersuchungen zum Satzverständnis an. Ziel ist es, diese Methoden für die Untersuchung des verbalen Denkens zu optimieren und ein neues Paradigma zur Untersuchung von Schlussfolgerungen aus polysemen Wörtern zu erproben. Darüber hinaus wird der Einsatz individueller Differenzmaße (wie verbaler IQ, Wortschatz) vorangetrieben, um die Anfälligkeit verschiedener demographischer Gruppen für Textverständnis-Probleme zu analysieren.
Psychologische Erklärungen, die das Denken als kognitiven Prozess betrachten, sollen helfen, die eigene Argumentation kritisch neu zu bewerten und Argumente so zu formulieren, dass sie keine problematischen Schlussfolgerungen auslösen. Dadurch könnten unbemerkte Irrtümer in philosophischen Argumentationen aufgedeckt, verbesserte konzeptionelle Werkzeuge entwickelt und neue Lösungen für philosophische Probleme formuliert werden.