Evangelium und Liturgie in der byzantinischen Kirche: Das liturgische Kirchenjahr in griechischen Tetraevangelien (9.–15. Jahrhundert)
Wie wurde bestimmt, welcher Abschnitt aus den Evangelien an welchem Tag des byzantinischen Kirchenjahres zu verlesen war? Ein Teil der Antwort auf diese Frage findet sich in den alten griechischen Tetraevangelien, d. h. in den Handschriften, die den Text der vier Evangelien kontinuierlich wiedergeben.
Ein Drittel der heutzutage noch vorhandenen Tetraevangelien-Handschriften enthält am Anfang oder am Ende einen liturgischen Kalender in tabellarischer Gestalt und im Laufe des Texts liturgische Angaben in Form eines oder mehrerer Apparate. Dieser Kalender und die damit verbundenen liturgischen Apparate bieten eine Aufteilung der Bibellesungen für das byzantinische Kirchenjahr (Lesezyklus). Die betroffenen Tetraevangelien sind also einerseits mit anderen Typen liturgischer Handschriften eng verbunden, insbesondere mit den Lektionaren, in denen der biblische Text nach dem liturgischen Zyklus aufgeteilt worden ist. Andererseits stehen diese Manuskripte in engem Zusammenhang mit dem örtlichen Kontext ihrer Entstehung: Je nach Ortsheiligem oder -feier wurden die Tabellen angepasst, und man kann daraus Schlussfolgerungen zur Herkunft der Handschriften und zur Entstehung regionalbedingter kultischer und sogar theologischer Merkmale ziehen.
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, die zusammenfassenden Tabellen aus den Tetraevangelien mithilfe einer sorgfältigen Textanalyse, einer damit verbundenen kritischen Edition und eines Vergleichs mit anderem liturgischen Material zu untersuchen. Dabei werden folgende Leitfragen beantwortet: Wieso gibt es liturgische Kalender in Tetraevangelien und in welcher Beziehung stehen sie zu anderem liturgischen Material, z. B. Evangelien-Lektionaren? Wie sind die verschiedenen liturgischen Aufteilungen zu erklären; welche örtlichen, kirchlichen, politischen und auch theologischen Kontexte könnten zu einer Anpassung der liturgischen Kalender geführt haben? Was sagen die liturgischen Angaben über die Bedeutung und die Benutzung der Evangelien in der byzantinischen Kirche aus?
Die Forschungsergebnisse werden u. a. in der Reihe „Manuscripta Biblica“ erscheinen und sowohl der Liturgiewissenschaft als auch der Handschriftenkunde und der neutestamentlichen Forschung dienen. Die Ergebnisse werden inhaltlich insgesamt ein besseres Verständnis des Gebrauchs der Tetraevangelien, die zwischen dem 10. und dem 15. Jahrhundert massenhaft produziert wurden, ermöglichen und zudem den Rückblick auf eine jahrhundertelange Tradition erlauben, die in den Kirchen der Reformation teilweise nicht mehr wahrgenommen wird.