Die Dachterrakotten der area capitolina in Rom
Das Kapitol, der kleinste unter den sieben Hügeln in Rom (460 m Länge und 180 m Breite), hatte aufgrund seiner strategisch günstigen Beschaffenheit eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Stadt. Im Zuge tiefgreifender Veränderungen Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. wurde an Ort und Stelle der Tempel Jupiter Optimus Maximus auf einer durch Stützmauern vergrößerten Fläche errichtet, wobei es sich nicht nur um den größten Tempel (53 x 63 m) tuskischer Ordnung aus archaischer Zeit handelt, sondern auch um das Zentralheiligtum der Stadt (509. v. Chr. eingeweiht), das zum Mittel- und Zielpunkt religiöser und politischer Handlungen avancierte.
Das gesamte Areal, das den literarischen Quellen zufolge durch weitere Tempel, Portiken, Profanbauten, Ehrenbögen und Weihgeschenke gekennzeichnet war, wurde zunächst im Mittelalter und dann im Verlauf des 16. Jahrhunderts vor allem im Bereich der Südhälfte des Hügels immer wieder verändert und überbaut. Während das Wissen über das antike Erscheinungsbild der Bauten in erster Linie auf literarischen und epigraphischen Zeugnissen basiert, konnten die Ausmaße des Jupitertempels anhand der Grundmauern unterhalb der Kapitolinischen Museen archäologisch nachgewiesen werden.
Gegenstand der Studie sind die Dachterrakotten des 6.-3. Jahrhunderts v. Chr., mit denen die Bauten der ‚area capitolina‘ gedeckt und geschmückt waren und die im Rahmen von Ausgrabungskampagnen des DAI Rom und der Sovrintendenza ai Beni Culturali Capitolina/ Musei Capitolini am südlichen Rand des Zentralheiligtums in besonders hoher Konzentration zutage befördert wurden. Die bislang ergrabenen und im Magazin der Kapitolinischen Museen deponierten Objekte – über 1500 dekorierte und 5.875 unbemalte Dachterrakotten, die größtenteils unpubliziert geblieben sind – stellen die am besten erhaltenen Bauglieder des gesamten Areals dar. Trotz der langen Forschungsgeschichte des Heiligtums gelten die architektonische Entwicklung und der Bauschmuck der dortigen Tempel und Gebäude als weitgehend unerforscht. Daher werden die Dachterrakotten aus dem genannten Stratum (Deckziegel, Flachziegel, Verkleidungsplatten, Simen, Krönungen, Akrotere, Antefixe) in Zusammenarbeit mit der römischen Sovrintendenza aufgearbeitet, systematisiert und katalogisiert. In diesem Zusammenhang werden detaillierte Untersuchungen zu Dachprototypen, Formaten, Typologien, Serien und Reparaturen durchgeführt, wobei u. a. auch virtuelle Rekonstruktionen von Dachtypen in Kooperation mit der Arbeitsgruppe „Digital Roofs“ (DAI, Berlin) erstellt werden. Es wird darüber hinaus geprüft, ob es sich – wie bis dato angenommen – ausschließlich um Dachterrakotten des Zentralheiligtums handelt. Möglicherweise lassen sich aus den Funden auch andere Dachbedeckungen herauslesen, die entweder in einem direkten oder einem indirekten Zusammenhang mit dem Heiligtum standen. Mittels naturwissenschaftlicher Analyseverfahren werden zudem farbliche Rekonstruktionen der Dächer vorgenommen und Erkenntnisse über Maltechnologien gesammelt.
Im zweiten Schritt der Untersuchung werden bereits publizierte Dachterrakotten vom Kapitol sowie ggf. aus Rom und Latium kartiert und zum regionalen bzw. überregionalen Vergleich herangezogen, wobei typologische, petrographische, chemische und bodenkundliche Untersuchungen zum Einsatz kommen. Ziel ist es, die Mobilität der Handwerker sowie Produktions- und Handelswege nachzuzeichnen und somit einen Beitrag zum Verständnis eines regionalen bzw. überregionalen Austauschprozesses zu leisten. Die Informationen werden in einer individuell zugeschnittenen Dachterrakotten-Datenbank zusammengetragen und ausgewertet.