Der erste Kreuzzug in der neulateinischen Epik: die ‚Lotareis‘ des Perotus
In Zuge der Türkenexpansion im 15.-16. Jahrhundert avancierten der erste Kreuzzug (1096-1099) und die Einnahme Jerusalems zu einem prominenten Deutungs- und Propaganda-Narrativ, zunächst in Historiographie, Reden und Traktaten zur Türkenabwehr, später auch in den neulateinischen und volkssprachlichen Großdichtungen (etwa Pierre de Ronsards „Franciade“ und Torquato Tassos „Gerusalemme liberata“, beide in den 1570er-Jahren), mit denen die Renaissance die antike Epik nachahmen und überbieten wollte.
Das Projekt zielt auf die erste kritisch kommentierte Ausgabe eines unikal überlieferten, neulateinischen Kreuzzugsepos‘ „Lotareis“ (Paris, Bibliotheque Mazarine, Ms 1944), für das – u. a. infolge des Fehlens einer Edition – sämtliche Forschungserwähnung bislang auf einer Beschreibung des Autographs (1769) und einem Beitrag von Prof. Orth beruht. Über den weitgehend unbekannten Dichter Perotus kursieren seit ca. 1800 falsche Annahmen; Prof. Orth möchte mit der Edition zu Klärungen beitragen.
Entstanden zwischen 1563 und 1574, behandelt die „Lotareis“ in neun Büchern und ca. 6700 Hexametern die Belagerung und Eroberung Antiochias 1097-98 bis zum Tod des dortigen türkischen Stadthalters. Die Vorgeschichte (u. a. die Kreuzzugsrede Papst Urbans II.) wird als umfängliche Beschreibung von Bildteppichen integriert, in einer Unterweltszene wird die spätere Türkenexpansion als Traumvision imaginiert. Klassische Versatzstücke der Epentradition – Kampfszenen, Reden, ein Heereskatalog, Beschreibung des Feldlagers, Rat der Fürsten, Zweikämpfe, Zwietracht im Feldlager – wechseln mit Exkursen zur Sintflut oder zu Karl dem Großen (wobei sich der Dichter auch quellenkritisch gegen seinerzeit gängige Mythen wendet, Karl sei bereits unter Waffen nach Jerusalem gezogen). Die zu einem globalen Konflikt stilisierte Gegnerschaft zwischen Europa und Asien ist grundierend stets präsent, wird aber nicht forciert, sondern eher entschärft (etwa durch einen pietätvollen christlichen Nachruf auf den toten türkischen Anführer); zeitgeschichtliche Kommentare sind selten. Der Titel „Lotareis“ bezieht sich auf den werkzentralen Helden Gottfried IV. von Bouillon, einen Niederlothringischen Heerführer im ersten Kreuzzug, und auf zwei Herzöge der Guisen des 15.–16. Jahrhunderts, die sich auf ihn als Vorfahren beriefen und um deren Gunst Perotus mit dem Werk und in der Vorrede wirbt.
Die Ausgabe soll hybrid erscheinen: primär als Buchpublikation und sekundär als Lesetext (ohne Einleitung, Apparate etc.) im Open Access an der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, um eine Nachnutzung durch andere Fachdisziplinen zu ermöglichen.
Ediert wird die Fassung letzter Hand, einschließlich der Paratexte und Bearbeitungen, unter weitgehender Übernahme der Orthographie. Zwei Apparate sollen textkritisch die Bearbeitungen erfassen und punktuelle historiographische und literarische Vorlagen dokumentieren (antike Epik, mittelalterlich-französische oder lothringisch-lateinische Dichtungen). Ein Stellenkommentar erläutert Perotus‘ historische Quellen, poetische Techniken und sachliche Angaben. Die Einleitung wird allgemeine Informationen zu Autor und Werk (Quellennutzung, Sprache, Orthographie, Metrik, Stil), Überlieferung, Editionsprinzipien sowie v. a. den Bearbeitungsspuren bieten.
Zudem werden zwei Studien erarbeitet: zu poetischen Techniken in neulateinischer Kreuzzugsepik des 16. Jahrhunderts und zur Darstellung der Muslime – bei Perotus ungewöhnlich milde – und deren Einordnung in den zeitgenössischen Türkendiskurs.