Das Handwerk des Verlegers. Untersuchungen zu Entstehungsprozessen von Beethoven-Originalausgaben
Wie stellte sich die Arbeit aus Sicht der Verleger dar, welche Aspekte – abgesehen vom Autorwillen – hatten sie zu berücksichtigen und wie brachten sie künstlerische und wirtschaftliche Interessen zusammen?
Als Beethoven (1770-1827) sich im April 1803 die soeben erschienene Originalausgabe seiner Klaviersonaten (op. 31, Nr. 1 und 2) vorspielen ließ, soll er festgestellt haben, dass die Notenausgabe nicht nur zahlreiche Stichfehler, sondern auch vier Takte enthielt, die er gar nicht komponiert hatte. Statt die Fehler anzumahnen, brach er die Geschäftsbeziehung zu seinem Verleger in Zürich (Hans Georg Nägeli) ab und brachte beim Bonner Verleger Nikolaus Simrock eine eigene Ausgabe mit dem Zusatz „Edition très correcte“ heraus. Eigenmächtige Eingriffe seitens der Verleger waren nicht selten, zumal es im 18. Jahrhundert noch kein verbindliches Urheberrecht gab. So erlebte Beethoven eine weitere Überraschung bei der Herausgabe des Oratoriums Christus am Ölberge (op. 85). Der Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel hatte den Druck wegen der schlechten Verkaufsprognosen und dem bei der Uraufführung (1803) durchgefallenen Libretto zunächst abgelehnt. Als der Verlag 1811 das Werk dann doch herausbrachte, wurde für die Ausgabe eine Neutextierung in Auftrag gegeben. Beethoven erfuhr von den Änderungen aber erst durch die Korrekturfahnen, forderte dann zwar, den ursprünglichen Wortlaut wiedereinzusetzen, ließ aber einige Änderungen stehen, weil er den ursprünglichen Text tatsächlich als „äußerst schlecht“ empfand.
Die Entstehungsprozesse der genannten Originalausgaben stellen aus heutiger Sicht Extrembeispiele für verlegerische Freiheiten dar. Mit der Studie zielt Prof. Siegert in eine Forschungslücke, denn obwohl Musikverlage ein entscheidendes Bindeglied zwischen Komponisten und Publikum waren, ist ihre Arbeitsweise erst in jüngster Zeit ins Blickfeld der Musikwissenschaft gerückt. Bislang hat man sich auf die Perspektive des Komponisten beschränkt, ohne sich für die Entstehungsprozesse von Originalausgaben und deren Überarbeitungen nach dem Erscheinen aus dem Blickwinkel der Verleger zu interessieren. Ausgehend von der Prämisse, dass alle historischen Ausgaben eines Werks zu seiner Geschichte beitragen, unabhängig davon, ob die Ausgaben „korrekt“ oder „fehlerhaft“ waren, erforscht Prof. Siegert die historischen Sachverhalte am Beispiel von Beethoven-Originalausgaben und versucht die Verantwortlichkeiten der verschiedenen Akteure zu klären. Wie stellte sich die Arbeit aus Sicht der Verleger dar, welche Aspekte – abgesehen vom Autorwillen – hatten sie zu berücksichtigen und wie brachten sie künstlerische und wirtschaftliche Interessen zusammen?
Neben Beethovens langjährigen Verlegern – Simrock (Bonn), Artaria (Wien), Kunst- und Industrie-Comptoir (Wien und Pest), Breitkopf & Härtel (Leipzig) und Steiner (Wien) – werden auch die Verlage der späten Jahre mit zwei oder drei Originalausgaben desselben Werks berücksichtigt (op. 106, 109, 111 und 127), darunter Diabelli (Wien), Schlesinger (Berlin/Paris), Schott (Mainz/Paris), Clementi und The Regent’s Harmonic Institution (London). Die Studie deckt damit die gesamte geographische und chronologische Breite ab und umfasst zudem die ganze Palette der verschiedenen Gattungen.