Buchgeschichte der Johannesapokalypse: Die griechische handschriftliche Überlieferung bis zum 15. Jahrhundert
Die Johannesapokalypse nimmt unter den biblischen Schriften eine Sonderstellung ein. Sie steht buchstäblich am Rand des Kanons.
Insbesondere ist der kanonische Status im byzantinischen Kulturkreis umstritten. Daher ist auch die handschriftliche Überlieferung vielgestaltiger als bei den anderen biblischen Schriften. Dies gilt nicht nur im Sinne der Bandbreite von Textvarianten oder im Sinne von bestimmten Texttraditionen, sondern auch im Blick auf die Profile, Intentionen, Kontexte und Zielgruppen der einzelnen Buchprojekte, in denen sich die Apokalypse findet.
Eine Untersuchung des Befundes, die Handschriften nicht als „Steinbruch“ für Textvarianten sieht, sondern das Artefakt so breit wie möglich erfasst, soll hier nähere Aufklärung bringen. In diesem Sinne meint „Buchgeschichte“ nicht die isolierte Textgeschichte eines biblischen Buches, sondern das historische Objekt in seiner Gänze, unter Berücksichtigung seiner Materialeigenschaften, Paratexte und Kombinationen zu anderen Schriften.
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, ein möglichst umfassendes Bild der Buchgeschichte von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert zu erreichen. Diese obere Grenze ist gewählt worden, weil mit dem Ende des Byzantinischen Reiches und dem Beginn des Buchdrucks die Entwicklung eine andere Qualität erhielt. Im Rahmen des Projekts wird ein Gesamtüberblick über die Überlieferung gegeben, zudem werden ausgewählte Zeugen (ca. 60 Handschriften) vertieft kodikologisch erfasst. Dabei spielen a priori alle Inhaltselemente neben der Apokalypse sowie die wichtigsten physischen Merkmale (Schreibstoff, Layout etc.) und die resultierende Struktur der Handschrift eine Rolle, also die weiteren vorhandenen Haupttexte sowie paratextuellen Elemente (zumindest mit Apk-Bezug). Besondere Aufmerksamkeit wird dem diachronen Aspekt gewidmet: dem Weg von der Produktion einer Handschrift über die verschiedenen Modifikationen im Lauf der Jahrhunderte (Benutzung, Zufügungen, Verluste).
Die erhobenen Daten über die Handschriften werden in einer Datenbank erfasst, die frei zugänglich (open access) sein wird. Auf der Basis der Beschreibungen wird sodann eine Synthese erfolgen (elektronisch und in Buchform zu publizieren): Dabei werden die verschiedenen begegnenden Buchtypen vorgestellt und kontextualisiert. Paratextuelle Elemente werden inventarisiert und in Einzelfällen vertieft erschlossen Die theologische Reflexion über die Wirkungsgeschichte in der Buchgeschichte (Relevanz für Kanonfrage, kirchenhistorische Bedeutung, Rezeptionskontexte) wirdden Abschluss bilden.
Die zu erwartenden Forschungsergebnisse dürften nicht nur für die biblische Exegese, Kirchengeschichte und Handschriftenforschung, sondern auch für viele weitere Gebiete relevant sein, darunter Byzantinistik, griechische Philologie, Liturgiewissenschaft und Kunstgeschichte.