Abschluss der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns (Band 9: Oktober 1940 bis 1950; Band 10: Ergänzungen, Korrekturen, Gesamtregister)
Heinrich Mann (1871–1950), kapitalismus- und autoritätskritischer Redner und Publizist, setzte sich zunächst in Deutschland, ab 1933 im Exil in Frankreich und ab 1940 in den USA mit „erbittertem Idealismus“ für Demokratie, Menschenrechte und Kunstfreiheit ein. Sein essayistisches und publizistisches Werk – laut Thomas Mann eine „Mischung aus literarischem Glanz und einer […] märchenhaften Simplizität, einer menschheitlichen Volkstümlichkeit“ – erlaubt sowohl das Profil des Publizisten Heinrich Mann (im Vergleich zu anderen Intellektuellen seiner Zeit oder zu Eigenheiten seines fiktionalen Schreibens) als auch allgemein die Bedeutung des Essayisten als Akteur kultureller Entwicklungen präziser zu erfassen.
Ziel des Projekts ist die Fertigstellung der beiden Abschlussbände der „Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns“ (HMEP). Die Ausgabe, seit 2002 an der Arbeitsstelle Heinrich-Mann-Edition der Universität Osnabrück vorangetrieben, will für die gesamte Essayistik und Publizistik Manns, einschließlich der Reden, Aufrufe, Interviews und von ihm mitunterzeichneten Texte, eine gesicherte Forschungsgrundlage bieten und erscheint seit 2007 im Aisthesis Verlag Bielefeld.
Band 9 wird 116 eigene und sieben mitunterzeichnete Texte Manns präsentieren, 17 davon unveröffentlicht, zwölf nur teilweise und/oder übersetzt erschienen. In ihrer erstmals rekonstruierten Gesamtheit zeigen sie einen Rückgang von Manns publizistischer Aktivität, der aber weiterhin Aufforderungen zu öffentlicher Äußerung aus Deutschland, Frankreich, den USA und der UdSSR nachkam, erlauben aber auch, verfehlte Vorstellungen seines „Greisenavantgardismus“ oder seiner finanziellen Abhängigkeit zu korrigieren. Vor allem zwei Traktate „Zur Zeit von Winston Churchill“ (1939/1941) und „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1946), von denen die HMEP allerdings nur die Textteile aufnehmen wird, die durch Mann eigenständig publiziert wurden, spiegeln eine Spannung zwischen ‚Ratlosigkeit‘ angesichts der Entwicklungen in Europa und weiterwirkendem Idealismus, die auch andere Beiträge dieser Jahre prägt (neben politischen und kulturtheoretischen Äußerungen Essayistik zur Literatur, zu Döblin, Fontane, Strindberg, Zweig, Zola u. v. a.). Jenseits der Texte selbst – auf Deutsch, Englisch, Französisch oder in russischen Übersetzungen – wird die Edition zahlreiche Informationen zu dieser Lebens- und Werkphase erstmals öffentlich zugänglich machen (etwa hinsichtlich redigierender und zensierender Eingriffe Erika Manns etc.).
Band 10 wird Nachträge, Korrekturen und Ergänzungen enthalten: bislang 28 eigene und fünf mitunterzeichnete Texte Manns, die durch Erschließung weiterer Nachlassteile oder fortschreitende Digitalisierung inzwischen ermittelt wurden. Außerdem werden neu aufgefundene Drucke, Handschriften und Materialien integriert, Fehler korrigiert und Kommentare ergänzt. Vier Gesamtregister (Titel, Personen, Periodika und Verlage) werden auch den Netzwerkcharakter dieses sechs Jahrzehnte überspannenden essayistischen Werks sichtbar machen.
Die Ausgabe entsteht als Kooperation der Arbeitsstelle Heinrich-Mann-Edition und der Akademie der Künste Berlin, wo der größte Teil des Nachlasses liegt.