Making of an Indian Nationalist Muslim: Politics of Islam, National Integration and Minority Citizenship in the Life and Writings of Syed Abid Husain (1896-1978)
Im Zentrum des Forschungsvorhabens stehen Leben und Werk des indisch-muslimischen Gelehrten Syed Abid Husain (1896-1978) und seine Verbindungen zu deut¬schen und jüdischen Intellektuellen wie Eduard Spranger (1882-1963), Annemarie Schimmel (1922-2003) und Gerda Philipsborn (1895-1942).
Syed Abid Husain war einer der ersten Inder, die in Deutschland Erziehungswissenschaften und Philosophie studierten. Er promovierte in den 1920er-Jahren bei Eduard Spranger in Berlin über Herbert Spencer und übersetzte später die Werke deutscher Intellektueller ins Urdu, u. a. Sprangers „Psychologie des Jugendalters“, Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und Goethes „Faust“ und „Wilhelm Meister“. In Berlin lernte er auch die Jüdin Gerda Philipsborn kennen, mit der er nicht nur das Interesse an der deutschen Kultur, sondern auch die Begeisterung für reformpädagogische Ideen teilte. Nach seiner Rückkehr nach Indien arbeitete er als Erziehungswissenschaftler an der „Nationalen Islamischen Universität“ (Jamia Milia Islamia) in Delhi und der Muslimischen Aligarh Universität in Uttar Pradesh und hielt Vorlesungen über Reformpädagogik, Kinder- und Jugendpsychologie sowie Sozialreform. Gerda Philipsborn folgte ihm 1932 nach. Sie arbeitete im Jamia-Kindergarten und unterrichtete angehende Lehrer und Erzieher, dem ganzheitlichen Ansatz reformpädagogischer Erziehungskonzepte folgend, nicht nur in Pädagogik, sondern auch in Gesundheitslehre, Sport, Kunst, Photographie und Theater. Als Verbindungsglied zwischen der deutschen und der indischen Kultur und Wissenschaft spielte sie eine wichtige Rolle. Bemerkenswert ist, dass sich beide – der indische Muslim Abid Husain und die deutsche Jüdin Philipsborn –, obwohl in ihrem Land zu einer Minderheit gehörend, an nationalen intellektuellen Diskursen beteiligten und kulturübergreifende Reformideen in die Debatten einbrachten.
Nach der Unabhängigkeit Indiens (1947) setzte sich Syed Abid Husain dafür ein, die Fächer „Islamwissenschaft“ und „Vergleichende Religionswissenschaft“ an den indischen Universitäten zu etablieren. Seine Bemühungen wurden von renommierten deutschen und amerikanischen Islamwissenschaftlern (u. a. Prof. R. Peret, Universität Tübingen; Prof. O. Spies, Universität Bonn; Prof. W.C. Smith, McGill University Montreal) unterstützt. Bei einem seiner Aufenthalte in Deutschland lernte Abid Husain Annemarie Schimmel kennen, die sich nicht nur auf dem Gebiet der Islamwissenschaft einen Namen gemacht hatte, sondern sich auch für die Urdu-Literatur in Südasien interessierte. Schimmel unterstützte die Bemühungen Abid Husains für den Aufbau islamwissenschaftlicher Fachrichtungen an indischen Universitäten und unterhielt durch gemeinsame Forschungen zur Urdu-Literatur vielfältige Kontakte zu muslimischen Wissenschaftlern an der Jamia Milia Islamia in Delhi.
Husains reformpädagogische Ideen und Konzepte wurden auch in seiner Familie aufgegriffen. Seine Frau Saliha (1913-1988) und seine Nichte Sughra Mehdi (1927-2014) beschäftigten sich dabei insbesondere mit genderspezifischen Aspekten einer modernen Bildungs- und Familienpolitik.
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, die Bemühungen Syed Abid Husains um die Förderung reformpädagogischer Ideen im indischen Bildungssystem und den Aufbau islamwissenschaftlicher Fakultäten an indischen Universitäten nachzuzeichnen. Es versteht sich als ein Beitrag zur „Entangled History“ und zur „Minority History“. Mit diesen Ansätzen sollen die dominierenden Konzepte einer „geteilten“ Geschichte überwunden und stattdessen – am Beispiel der Debatten über Erziehung, Bildung und Sozialreform im kolonialen und postkolonialen Indien – die Verbindungen und Austauschbeziehungen zwischen verschiedenen Weltregionen in den Blick genommen und die Bedeutung von Minderheiten (indische Muslime, deutsche Juden) für gesamtgesellschaftliche intellektuelle Diskurse herausgearbeitet werden.
Im Rahmen des Forschungsvorhabens werden vornehmlich Materialien aus Universitäts- (u. a. Delhi, Erfurt, Basel) und nationalen Archiven (Indien, Deutschland, England, USA) sowie dem Familienarchiv Abid Husains ausgewertet.