Graphik bei Cranach. Zwischen Familie und Factory. Kunsthistorische und kunsttechnologische Untersuchungen der Zeichnungen, druckgraphischen Blätter und illustrierten Büchern in Berlin und Dresden
Lucas Cranach d. Ä. (1473-1553) gehört zusammen mit Albrecht Dürer und Hans Holbein d. J. zu den wichtigsten deutschen Künstlern seiner Zeit.
Die kunsthistorische Forschung widmete sich vor allem dem originellen, dem gelehrten und dem erfolgreichen Cranach im Kontext von Reformation, Propaganda und Humanismus. Seine Bedeutung lässt sich jedoch nicht allein an der individuellen Künstlerschaft des kursächsischen Hofmalers bemessen, sondern auch an den nicht eigenhändigen Arbeiten, die in seiner Werkstatt in Zusammenarbeit mit Familienmitgliedern und Mitarbeitern entstanden sind. Gerade die in diesem Arbeitskontext besonders reichlich entstandene Buchgraphik ist bis dato nur ansatzweise und wenig systematisch untersucht worden, möglicherweise weil die enorme Vielfalt und die uneinheitliche Qualität der Blätter den Zugang zum Thema erschweren.
Mit dem verfolgten Ansatz, der auch neue Impulse für die hierzulande nachlassende Graphikforschung liefern soll, werden zuallererst die einschlägigen Museumsbestände der Kupferstichkabinette in Dresden und Berlin digital erschlossen, wissenschaftlich anschlussfähig und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Das aus Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern, Papierrestauratorinnen und Papierhistorikern bestehende Projektteam möchte dabei die alten Kategorien von Meister und Mitarbeiter überwinden und die Werkstattpraxis im Sinne von „Familie und Factory“ fassbar machen. Vor diesem Hintergrund wird das Material als Primärquelle für Fragen der Papierproduktion, der Zeichenmittel, der Auflagen ins Zentrum der Untersuchung gestellt und im Zusammenhang mit den Lebensläufen der Papiermacher, Künstler, Auftraggeber und Sammler gedeutet.
Um dies zu erreichen, werden die Zeichnungen und druckgraphischen Blätter von Lucas Cranach d. Ä., seinen Söhnen und der Werkstatt, die in den Beständen der Kupferstichkabinette in Berlin und Dresden aufbewahrt werden und die rund ein Drittel der weltweit aus diesem Arbeitskontext erhaltenen Graphiken ausmachen, in der gebotenen Tiefe erschlossen (48 Zeichnungen, 560 Druckgraphiken/35 Zeichnungen, 450 Druckgraphiken). Die in der Mehrzahl auf alten Kartons montierten Blätter müssen von den Trägern gelöst werden, um beide Seiten des Blattes erforschen, digitalisieren und ggf. mittels KI vergleichen zu können, also auch die mit Zeichnungen, Aufschriften, Sammelmarken, Stempeln und Datierungen versehenen Versoseiten. Die systematische Vorgehensweise ist die Voraussetzung dafür, um spezifische Aussagen über Werkstattpraxis, Auflagen und Verbreitung, Bearbeitungsspuren, Druckfarben, Intensität der Drucke und Zusammensetzung der Farben machen zu können. Im Kern geht es erstmals um die Frage, inwieweit sich Individualstil und Kollektivstil mit den Methoden der Materialforschung voneinander unterscheiden lassen. Lässt sich innerhalb des Kollektivs, möglicherweise sogar auf einem Blatt, eine Arbeitsteilung bzw. eine Händescheidung nachweisen, etwa über die Verwendung bestimmter Zeichenmittel oder bestimmter Sujets, die sich im Sinne einer Ökonomie der Mittel- und Materialverwendung bestimmten Personen und Zeitabschnitten zuordnen lassen?
Im Anschluss an die kunsttechnologischen Untersuchungen werden die Werke wieder auf Karton aufgezogen, konservatorisch versorgt und die Untersuchungsergebnisse zusammen mit kunstwissenschaftlichen Einordnungen in eine Datenbank eingepflegt. Im Ergebnis werden Zeichnungen und Buchillustrationen zusammen mit den Projektergebnissen auf den jeweils eigenen Websites präsentiert und dem zur Erschließung des Gesamtwerks befassten Cranach Digital Archive (Kunstpalast Düsseldorf) zur Verfügung gestellt.