Funding Funded Projects Römische Höhlenmenschen im Chiemgau? Siedlungsspuren des 3. Jahrhunderts n. Chr. in zwei Höhlen im Priental (Gemeinde Aschau im Chiemgau)

Römische Höhlenmenschen im Chiemgau? Siedlungsspuren des 3. Jahrhunderts n. Chr. in zwei Höhlen im Priental (Gemeinde Aschau im Chiemgau)

Nach der zufälligen Entdeckung römerzeitlicher Funde (2016) in zwei Höhlen im Kampenwandgebiet wurden in den Jahren 2017 und 2018 archäologische Kampagnen durchgeführt, um die an steilen Hängen und Felsen gelegenen Fundplätze ausführlich zu erforschen.

Mehr als 600 Fundobjekte wurden geborgen und von Dr. Zagermann bearbeitet, darunter 20 Münzen, deren Datierung auf eine Nutzung der Höhlen im zweiten Drittel des 3. Jahrhunderts n. Chr. schließen lassen. Darüber hinaus sind nicht nur Tru­henbeschläge, Waffenteile, Schlüssel und Geräte zur Holzbearbeitung, sondern auch solche Objekte gefunden worden, die man in den Höhlen wenig oder gar nicht nutzen konnte, darunter eine Sense, medizinische Zan­gen, eine Schaf- oder Tuchschere, Schmuck, eine Kast­rierkluppe und eine eiserne Fessel. Mit Blick auf die an­stehende interdisziplinäre Bearbeitung dieses Fundkom­plexes wurden im Zuge der Grabung auch Schlämmpro­ben und Schienen zur mikromorphologischen Analyse entnommen.

In Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen der Universität Basel, die an der archäolo­gisch-naturwissenschaftlichen Auswertung der Kulthöhle in Zillis (Schweiz) beteiligt waren und Erfahrung mit römerzeitlichen Höhlenkontexten haben, analysiert Dr. Zagermann nun im Rahmen dieses Projekts die gefundenen Knochen und Samen archäozoologisch bzw. archäobotanisch, untersucht die dunkle Kulturschicht aus den Höhlen mikromor­phologisch und nimmt mittels Radiokarbondatie­rungen eine chronologische Bewertung des gesamten Fundplatzes vor. War die Römerzeit die einzige nennenswerte Siedlungsphase oder gibt es Hinweise auf ältere und jüngere Horizonte? Im Kern geht es darum, die 600 Objekte zu bearbeiten, Rein­zeichnungen durchzuführen und – in Zusammenschau mit den naturwis­senschaftlichen Untersuchungsergebnissen und den Er­kenntnissen über die römerzeitlich genutzte Höhle in Zillis – die Lebensrealität in den Höhlen im Priental zu rekonstruieren.

Aufgrund der fehlenden Verkehrsanbindung, bzw. der abgelegenen Lage, scheint eine Funktion der Höhlen als Kühlschrank/Vorratslager genauso unwahr­scheinlich zu sein wie als religiöse Kultstätte. Die kurz­fristige Nutzung, die schwere Erreichbarkeit und die Auf­bewahrung von bestimmten Werten und Gebrauchsgü­tern lassen daher viel eher an ein Refugium im Zusam­menhang mit der von zahlreichen Krisen gekennzeichne­ten Zeit des 3. Jahrhunderts n. Chr. denken. Vor dem Hintergrund der Barbareneinfälle, der Kampfereignisse am 20 km entfernt liegenden Flussübergang von „Pons Aeni“ und dem Zusammenbruch des raetischen Limes dürften Familien Zuflucht in den Höhlen gesucht und gefunden haben.

Die multidisziplinäre Auswertung der Funde wird einen Einblick in die Lebensrealität der römischen Provinzbevölkerung im Voralpenland während der Krisenjahre um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. gestatten. War die Nutzung saisonal, ereignisbezogen oder dauerhaft? Welche Lebensum­stände des Alltags lassen sich aus den Funden und Be­funden rekonstruieren? Wurden die Objekte, die bei den Grabungen gefunden wurden, hier versteckt, funktional genutzt oder teilweise sogar geopfert? Handelte es sich bei den Bewohnerinnen und Bewohnern um eine Familie oder waren mehrere Personengruppen beteiligt? Mit der Untersuchung kann möglicherweise belegt werden, welche Tiere gehal­ten und gejagt wurden, welche Pflanzen auf dem Spei­seplan standen, was auf welche Weise bevorratet wurde und in welchem Umfang und zu welchen Zweck Feuer gemacht wurde etc.

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