Manuskript, Buch, Makulatur – Zur Materialität des Schreibens und Publizierens um 1800

Die Erhellung der materialen Bedingungen des Schreibens und Publizierens um 1800 soll zu einer ‚Geschichte des Schreibens’ beitragen, in deren Verlängerung die heutigen Diskussionen um schriftstellerische Erzeugnisse stehen.
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Bewilligung

Juni 2015

Laufzeit

1 Jahr (Verlängerungszeitraum)

Fördersumme

Förderbereich

Geschichte, Sprache & Kultur
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Im Zuge der Digitalisierung unserer Gegenwartskultur scheint Papier als Grundstoff literarischer Produktion langsam zu verschwinden, während um Grundbegriffe wie Autorschaft oder Urheberrecht z. T. erbittert gerungen wird. Diese Debatten fußen auf argumentativen Mitteln, die schon um 1800 – in der Umbruchzeit zum Massenbuchdruck und maßgeblich eben in der Auseinandersetzung mit Papier – entwickelt wurden, ohne dass diese historische Tiefendimension bislang reflektiert wurde.

Das Projekt gilt darum dieser materiellen Dimension schriftstellerischer Praxis um 1780-1830 und fragt nach den ästhetischen, narratologischen, poetologischen und rhetorischen Implikationen von Papier, die als ‚sekundäre Materialität’ bezeichnet und mit einem philologisch-kulturwissenschaftlichen Instrumentarium beschreibbar gemacht werden sollen.

In drei exemplarischen Fallstudien werden Autoren betrachtet, die sich gleichermaßen als Schriftsteller wie als ,Büchermacher’ verstanden, nämlich Jean Paul, Georg Christoph Lichtenberg und Friedrich Nikolai. Jean Pauls Werke und Aufzeichnungen enthalten eine Fülle von Äuße-rungen zum Papier- und Büchermachen und entfalten immer wieder ,Schreibszenen’, in denen die gesamte zeitgenössische Bandbreite von Schreibmaterialien und Schriftträgern eine Rolle spielt; Konzepte von Autorschaft werden hier unhintergehbar mit der Materialbearbeitung verbunden, wobei v. a. das Potential witziger Überblendung von buchstäblicher und metaphorischer Rede ausgelotet wird. Vergleichbar eingehend reflektierte Georg Christoph Lichtenberg, der sich programmatisch einen „Makulaturisten“ nannte, die Modi des Erstellens und Publizierens von Texten und seine „Sudelbücher“ stellen eine untrennbare Verbindung zwischen der Reflexionsbewegung und ihrer Aufzeichnung her. In seinen Briefen lassen sich zudem die Auswirkungen der produktiven Nähe von Autor und Verleger beobachten. Schließlich ist Friedrich Nikolai der Musterfall eines Autors, der nicht nur den zeitgenössischen Literaturbetrieb satirisch reflektierte, sondern als einflussreicher Herausgeber, Verleger und Buchhändler die Produktion von Büchern und ihren Vertrieb maßgeblich mitgestaltete und öffentlich diskutierte.

An diesem Korpus wird untersucht, wie sich die Bedingungen des historischen Buchmarkts darin niederschlagen, der ganz auf dem Austausch von Papieren beruhte (Autoren verkauften ihre Gedanken mit dem Manuskript an den Verleger, wurden nach Druckbögen bezahlt etc.); wie angesichts dessen und der Medienrevolution um 1800 auch die Handschrift – als Entäußerung eines Individuums – zu einem Gegenstand der Reflexion avanciert und das Konzept von Autorschaft im Kontext physischer Operationen verhandelt wird, deren Voraussetzung eben v. a. Papier ist. Aufschlussreich wird hier auch eine Beobachtung der vielfältigen Erwähnungen von Makulatur sein (im Titel von Zeitschriften, als Motivation für Rahmenerzählungen, rhetorische Figur u. Ä.) oder des zeitgenössischen Topos der aus ihr gefertigten Pfeffertüte.

Die geplante Monographie soll einen Beitrag zu einer – bislang noch nicht bestehenden – ‚Theorie des Materials’ in den Künsten leisten.

Institution

Prof. Cornelia Ortlieb

Department Germanistik und Komparatistik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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