Islamrechtliche Diskussionen medizinethischer Fragen im Wandel: Das Beispiel der Frauenbeschneidung in Ägypten im 20. Jahrhundert

Frauenbeschneidung wird in der Diskussion als ein Symbol gesehen, das einerseits für Rückständigkeit und Unwissenheit, andererseits auch für die Bewahrung der eigenen islamischen Identität gegenüber westlichem Einfluss steht.
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Bewilligung

Februar 2017

Laufzeit

1 Jahr (Verlängerungszeitraum)

Fördersumme

Förderbereich

Staat, Wirtschaft & Gesellschaft
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In gegenwärtigen Kampagnen gegen weibliche Genitalverstümmelung stellt die Zusammenarbeit mit religiösen Führern eine wichtige Komponente dar. Während die Beschneidung von Frauen in historischen islamischen Rechtstexten mehrheitlich als legitim angesehen wurde, sprechen sich religiöse Autoritäten in Ägypten seit den 1990er Jahren zunehmend gegen die Praktik aus. Dem Projekt liegt die Annahme zugrunde, dass dieser Wandel insbesondere mit der verstärkten Kontrolle des ägyptischen Staates über religiöse Institutionen und mit dem Bedeutungsgewinn säkularer Wissenssysteme wie etwa der Medizin zusammenhängt.

Gleichwohl ist auch die Haltung der ägyptischen Ärzteschaft zur Beschneidung von Frauen historisch gesehen durchaus ambivalent. Ägyptische Ärzte gehörten um 1950 zu den ersten, die öffentlich auf die Gefahren weiblicher Genitalverstümmelung hinwiesen und zur Abschaffung des Brauchs aufriefen. Gleichzeitig jedoch lassen sich medizinische Rechtfertigungen der Praktik mindestens bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückverfolgen und bestehen bis heute fort. Darüber hinaus werden trotz des seit 2008 bestehenden gesetzlichen Verbots die Eingriffe inzwischen mehrheitlich von Ärzten vorgenommen.

Dies macht deutlich, dass Positionen sowohl von Religionsgelehrten als auch von Medizinern nie von eindimensionalen Überlegungen informiert sind. In den Debatten um Frauenbeschneidung überlagern sich islamrechtliche Traditionen und als modern verstandene medizinische Erkenntnisse, überkommene Konstruktionen von Moral und Sexualität und als westlich wahrgenommene Menschenrechtskonzeptionen. Das Projekt zielt darauf, die Heterogenität der Debatten aufzuzeigen und zu erforschen, unter welchen Bedingungen Wandel in der Bewertung von Frauenbeschneidung möglich wurde.

Darauf aufbauend gliedert sich das Projekt in zwei Bereiche: Zum einen werden die historischen islamrechtlichen Diskussionen zu Frauenbeschneidung untersucht. Hierbei liegt der Fokus auf einer Analyse der Aussprüche des Propheten Muhammad zu der Thematik sowie ausgewählter Kommentierungen dieser Traditionen. Der zweite Projektteil konzentriert sich auf die Debatten in Ägypten im 20. Jahrhundert. Es wird erstens untersucht, wie sich zeitgenössische Religionsgelehrte hinsichtlich der Zulässigkeit von Frauenbeschneidung positionieren und wie sich Grundannahmen der historischen Auffassungen über die Praktik dabei verändern. Zweitens wird der Frage nachgegangen, inwiefern religiöse Argumente in einem medizinischen Kontext eingesetzt werden und wie sich medizinische und islamrechtliche Annahmen gegenseitig bedingen. Schließlich wird gefragt, welche Rolle beide Aspekte bei der Aushandlung der staatlichen Norm der Ablehnung von Frauenbeschneidung spielen.

 

 

Institution

Prof. Thomas Eich

Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg
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