Darstellung einer Entwicklung der imitatio sanctorum als Reflexion über eigene Schuldhaftigkeit (Teresa von Ávila, Jean-Jaques Rousseau, Jonathan Littell)

Wie muss ein Text rhetorisch verfasst sein, um Leser zu einer identifikatorischen Lektüre mit einer ambivalenten oder verwerflichen Figur zu führen?
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Bewilligung

Februar 2014

Laufzeit

2 Jahre

Fördersumme

Förderbereich

Geschichte, Sprache & Kultur
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Im Zentrum des Projekts stehen drei Erzähltexte: Teresa de Ávilas formal autobiographisches „Libro de la vida“ (1554-1564), Jean-Jacques Rousseaus Briefroman „Julie ou la Nouvelle Héloïse“ (1761), dessen Protagonistin an dem moralischen Konflikt einer unstandesgemäßen Liebe zerbricht, und schließlich Jonathan Littells „Les Bienveillantes“ (2006), worin ein SS-Offizier in autobiographischer Form u. a. von seiner Täterschaft im Völkermord erzählt. Die Werke werden unter einer systematischen Frage, die sie als historische Filiation zu lesen erlaubt, betrachtet: Wie muss ein Text rhetorisch verfasst sein, um Leser zu einer identifikatori¬schen Lektüre mit einer ambivalenten oder verwerflichen Figur zu führen?

Als Leithypothese wird angenommen, dass die Erbauungsliteratur mit den Heiligenviten – und der diesem Genre als Gebot zugrunde liegenden imitatio sanctorum – eine solche Struktur hervorgebracht hat, die im Zuge der Säkularisierung für eine Fiktionalisierung freigegeben wurde. Angesichts der Viten identifiziere sich der Leser v. a. mit der Sündhaftigkeit oder Fehlbarkeit der Heiligen und lebe dabei auch eigene Wunschvorstellungen aus. Dass aber die Texte ihn dann dazu führen, eben dies als Verfehlung zu erkennen, liege als intendierte Pragmatik und aufklärerisch-pädagogisches Anliegen der betrachteten Werkfiliation zugrunde und erhalte sich darin diachron, obwohl mit der Fiktionalisierung auch eine Problematisierung des identifikatorischen Lesens einherging.

Alle drei Texte verarbeiten Fragen der Identifikation, entwerfen Anthropologien des Schuldig-Werdens und inszenieren rhetorisch eine „Authentizität“. Schließlich existieren für alle Werke Rezeptionszeugnisse, welche die Attraktivität der von ihnen modellierten Identifikationsangebote bestätigen.

In einem ersten Schritt wird als ‚hermeneutische Einschätzung’ oder Hypothese exponiert, welche Form von Identifikation die Texte auslösen. Im zweiten Schritt werden hierauf aufbauend die rhetorischen Mittel der Texte im Einzelnen beschrieben. Schließlich sollen ausgewählte Rezeptionszeugnisse herangezogen werden, um Wirkungsweisen der Texte zu rekonstruieren.

Institution

Dr. Iris Roebling-Grau

Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität München
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