Absolutismus und die Entstehung der Literatur im Russland des 18. Jahrhunderts

In dem Projekt wird die Literatur als Produkt und Produzent, Medium und Generator eines von den Reformen Peters I. eingeleiteten, tief greifenden soziokulturellen Wandels betrachtet.
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Bewilligung

Februar 2016

Laufzeit

2 Jahre

Fördersumme

Förderbereich

Geschichte, Sprache & Kultur
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Der Beginn der »Institution Literatur« in Russland (ca. 1740-60) steht schon seit dem 19. Jahrhundert in Verbindung mit den Reformen, mit denen Zar Peter I. im frühen 18. Jahrhundert einen säkularisierten Absolutismus nach westlichem Vorbild schuf und damit in Russland einen tiefgreifenden sozio-kulturellen Wandel auslöste. Der Staat als Kulturprojekt mit utopischen Zügen besetzte nun das Zentrum der symbolischen Ordnung, den vormals die Religion innehatte. Der neuen »Institution Literatur« kam dabei eine wichtige Rolle zu: als entscheidendes Medium zur diskursiven Generierung der Staats-Symbolik (bzw. -Fiktion) und zugleich normgebende Grundlage für einen neuen sozialen Habitus, der auch die Untertanen zur Konformität mit der Staatsordnung disziplinierte. Konkret wurde dafür die Poetik des westeuropäischen (v. a. französischen) 17. Jahrhunderts im doppelten Sinn einer translatio imperii und translatio studii nach Russland importiert.

Dr. Ospovat zeichnet diesen Prozess nach und problematisiert dabei die Instrumentalisierung der diskursiven Sphäre bzw. der Literatur zur Kompensation der mangelnden Realitätsnähe des Staates (u. a. mit Blick auf die Inkongruenz zwischen dem Konzept der absoluten Monarchie und der machtpolitisch relativ schwachen Rolle der postpetrinischen Herrscher). Das Projekt ist von der These geleitet, dass die russische Literatur des 18. Jahrhunderts als Diskurssystem und soziale Praxis gesamteuropäische Entwicklungen der frühen Neuzeit exemplarisch zu beobachten erlaubt.

Verfolgt werden im Einzelnen, wie die literarische Norm und ein staatlich propagiertes Bildungsprogramm der imperialen Elite sich wechselseitig stützten und wie der Staat die sich allmählich etablierende Kulturpraktik des Lesens instrumentalisierte, um in einem innovativen Habitus »geselliger Muße« auch das Privatleben der Untertanen jenem normativen Verhaltensideal zu unterwerfen. Zur Erhellung jenes Problemkomplexes der Wertevermittlung und Didaktik werden historisch belegte Lesepraktiken und Leserreaktionen in ihrer Wechselwirkung mit den werkimpliziten Leserkonstruktionen beleuchtet.

Außerdem wird die Bedeutung einiger Institutionen für diesen Prozess systematisch aufgearbeitet. Betrachtet werden die 1724 gegründete Petersburger Akademie der Wissenschaften, die als Verlag und Zensurbehörde fungierte, das Kadettenkorps (ab 1743) und die Moskauer Universität (1755). Weiteren Forschungsbedarf sieht Dr. Ospovat zudem im Hinblick auf das Entstehen der ersten Literaturzeitschriften an diesen Institutionen und auch hinsichtlich der sich allmählich konsolidierenden Rolle des Kaiserhofs als Brennpunkt des Kulturlebens und Ermöglichungsforum für einen sozialen Aufstieg von Autoren.

Institution

Dr. Kirill Ospovat

Institut für Slawistik, Humboldt-Universität zu Berlin
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