Die Regulierung des Arbeitsplatzes Privathaushalt – Verrechtlichung und Ausdifferenzierung haushaltsnaher Tätigkeiten und sozialer Dienste

Die Regulierung des „Arbeitsplatzes Privathaushalt“ und der haushaltsnahen und familienunterstützenden Dienstleistungen weist im Vergleich zu anderen Arbeitsplätzen und Wirtschaftsbereichen viele Besonderheiten auf.
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Bewilligung

Juni 2011

Laufzeit

2 Jahre

Fördersumme

148 Tsd. €

Förderbereich

Staat, Wirtschaft & Gesellschaft
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Die Übernahme von Haushaltsarbeiten, Kinderbetreuung und die Versorgung der älteren Generationen im Falle von Pflegebedürftigkeit galten lange Zeit als Aufgaben, die von Familienmitgliedern – überwiegend von Frauen – im Rahmen der familiären Wirtschaft ohne monetäre Gegenleistungen übernommen wurden. Zum „ganzen Haus“ als Wirtschaftseinheit gehörten vor der Industrialisierung nicht nur Familienangehörige, sondern auch andere beschäftigte Personen, seien es Knechte, Mägde, Lehrlinge oder Dienstmädchen (Haus- und Hofgesinde). Vorangetrieben durch die weitgehende Trennung von Wohnen und Erwerbsarbeit im Zuge der Industrialisierung und durch gesellschaftliche Modernisierungsschübe hat sich der „Arbeitsplatz Privathaushalt“ als Ort weiblicher unbezahlter Familienarbeit und zugleich als Ort der Erwerbsarbeit (Heimarbeit, Dienstboten) und der Inanspruchnahme entlohnter Dienstleistungen, Hilfe-, Pflege-, und Unterstützungsformen verändert. Diese gesellschaftlichen Veränderungen spiegeln sich auch im Recht wieder, das in unterschiedlicher Weise die Beziehungen rund um den „Arbeitsplatz Privathaushalt“ beeinflusste (Gesinderecht und Arbeitsrecht für Hauspersonal, Familienrecht, Heimarbeitsrecht, Arbeits- und Sozialrecht etc.).

Die Auflösung feudaler Standesordnungen und das Entstehen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft führten zum Aufkommen vielfältiger neuer Berufe im Bereich familienunterstützender Dienste und Fürsorgeleistungen. Im Zuge der Entwicklung von Sozialen Diensten und professionellen Unterstützungsformen findet auf der Rechtsebene seit Ende des 19. Jahrhunderts eine zunehmende Ausdifferenzierung hauswirtschaftlicher- und personenbezogener Dienstleistungen und eine Verberuflichung statt, die es Privathaushalten ermöglichen soll, solche Tätigkeiten entweder auszulagern oder innerhalb des Hauses fremd zu vergeben. Dabei stellt sich die Regulierung des „Arbeitsplatzes Privathaushalt“ als ein widersprüchlicher und ungleichzeitiger Prozess dar, in dem Professionalisierung und De-Professionalisierung ebenso anzutreffen sind wie Unterstützungsformen durch sozialstaatliche Dienstleistungen, die Auslagerung und marktförmige Bereitstellung gewisser Tätigkeiten der hauswirtschaftlichen Versorgung und Güterproduktion, aber auch die Rückkehr „vormoderner“ Tätigkeitsformen unter neuen gesellschaftlichen Bedingungen.

Diese Ausdifferenzierungen, die in den Privathaushalt hineinwirken, wurden bisher in ihrer historischen Entstehung noch nicht ausreichend untersucht. Während zwar Abhandlungen zur Geschichte einzelner Tätigkeitsfelder im Privathaushalt existieren, ist die Entwicklung des rechtlichen Ausdifferenzierungsprozesses, der zwischen Ein- und Ausgliederung und zwischen „Verberuflichung“ und „Hausfrauisierung“ oszilliert und zu unterschiedlichen Organisationsformen der Erbringung dieser Tätigkeiten führte, noch nicht umfassend analytisch aufgearbeitet worden. Dabei ist eine Analyse dieser verschiedenen Wege von hohem Interesse, da sich die Ausdifferenzierungen auf ganz unterschiedliche Weise vollzogen haben und durch unterschiedliche Akteure begleitet und forciert wurden.

Prof. Kirsten Scheiwe und Prof. Wolfgang Schröer vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim untersuchen  daher die Entwicklung unterschiedlicher Regulierungsformen verschiedener Tätigkeiten und Dienste im Privathaushaltund analysieren wie erklären die Aushandlungsprozesse der Akteure, die diese Prozesse vorangetrieben haben, im historischen Verlauf. Es wird aus rechtshistorischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive dargestellt, welche Ausdifferenzierungsprozesse von Tätigkeitsfeldern sich abzeichneten und wie diese rechtlich reguliert wurden, durch welche Akteure diese Entwicklungen forciert und welche Ungleichzeitigkeiten sowie Herausforderungen in unterschiedlichen Zeiträumen gesehen wurden. Entsprechend geht es nicht um die Rekonstruktion eines linearen Verlaufs der Verrechtlichung und Ausdifferenzierung, sondern gerade um unterschiedliche Entwicklungsdynamiken in der Rechtsentwicklung und in den Positionierungen der Akteure.

Einerseits erfolgt dazu eine historische Analyse von Rechtsentwicklungen in unterschiedlichen Rechtsbereichen, die den „Arbeitsplatz Privathaushalt“ prägen. In diesem Teil der Untersuchung werden die wesentlichen Stränge der Ausdifferenzierung herausgearbeitet und im Hinblick auf ihren Wandel dargestellt. Andererseits wird das organisationale Feld dieser Entwicklung aus der Perspektive unterschiedlicher Akteure (Fürsorgeverbände, Frauenbewegung, Verein für Sozialpolitik, Hygienebewegung, Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Migrantenorganisationen u.a.) seit Ende des 19. Jahrhunderts nachgezeichnet. In diesem Zusammenhang werden neben den Rechtsnormen und Quellen zu ihrem Entstehungsprozess (Gesetzesbegründungen, Stellungnahmen von Verbänden u.ä.) Fachzeitschriften sowie Dokumente von Verbänden und Vereinigungen oder Expertisen zu gesetzlichen Initiativen analysiert.

 

Institution

Prof. Kirsten Scheiwe / Prof. Wolfgang Schröer

Institut für Sozial- und Organisationspädagogik, Universität Hildesheim
Webseite

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