Gewinner und Verlierer. Der rheinische Adel in der "Sattelzeit" (1750-1850)

Prof. Gudrun Gersmann nimmt die rheinische Adelslandschaft an der Wende zum 19. Jahrhundert in den Blick.
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Bewilligung

Juni 2011

Laufzeit

2 Jahre

Fördersumme

140 Tsd. €

Förderbereich

Geschichte, Sprache & Kultur
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Die Untersuchung des rheinischen Adels als „Sonde“ erlaubt Prof. Gudrun Gersmann vom Historischen Institut der Universität zu Köln in ihrem Forschungsprojekt  über die Sozialformation des Adels hinaus eine Erhellung der zentralen Umbruchsphänomene der Epoche zwischen 1750 und 1850 („Sattelzeit“).

Der Blick zurück zeigt, dass das Rheinland unter den Adelslandschaften des Alten Reiches einen besonderen Platz einnahm. Als strategisch bedeutende Grenzregion, in der die Einflusssphären verschiedener europäischer Groß- und Mittelmächte aufeinander trafen, sowie als Bindeglied der dynamischen Wirtschafts- und Kulturräume Frankreichs, Preußens und der Niederlande stand das Rheinland über die Jahrhunderte hinweg stets unter dem Eindruck immenser Prägekräfte, welche die sozialen Strukturen und Verhaltensweisen des regionalen Adels auf vielfältige Art bestimmten. Bezeichnend ist die traditionell starke Orientierung des Rheinlandes nach Frankreich: Dies gilt insbesondere für die zwei Jahrzehnte umfassende Periode der französischen Herrschaft (1794-1814), in der die Stellung des Adels als lokaler Herrschaftsträger ebenso grundsätzlich in Gefahr geriet wie weite Teile seines Besitzes. Als vollständig annektierter Teil der Französischen Republik und später des Napoleonischen Empire waren die Eingriffe in die gesellschaftlichen Strukturen im Rheinland wesentlich ausgeprägter und nachhaltiger als in den übrigen Territorien des Alten Reiches, das als Bezugspunkt adliger Karrierewege und Klientelbeziehungen nun vielfach wegbrach. Die Folgeerscheinungen der von tiefgreifenden Transformationsprozessen geprägten Sattelzeit für das Rheinland sind allerdings in vielen Bereichen noch nicht erforscht.

Im Rahmen des Forschungsprojektes erforscht Prof. Gersmann am Beispiel ausgewählter Adelsfamilien die Reaktions-, Karriere- und Anpassungsstrategien des rheinischen Adels beim Übergang von der traditionalen zur modernen Gesellschaft in generationenübergreifender Perspektive. Mit dem Titel „Gewinner und Verlierer“ wird der Untersuchungsrahmen programmatisch abgesteckt: Das innerhalb der Adelsgeschichtsschreibung so oft apostrophierte Paradigma vom „Obenbleiben“ des Adels, der aus den schweren Prüfungen des späten 18. Jahrhunderts wie ein Phönix aus der Asche hervorgegangen sei, wird einer kritischen Begutachtung unterzogen. Denn es gab neben eindeutigen „Gewinnern“ wie dem Fürsten Joseph Salm-Reifferscheidt-Dyck, die das neue meritokratische Herrschaftssystem Napoleons für ihre eigenen Zwecke zu nutzen wussten, auch die „Modernisierungsverlierer“, die an den neuen Strukturen zerbrachen.

Das Forschungsprojekt gliedert sich in zwei Teile:

  • „Adlige Kommunikationsräume: von Freimaurern und anderen Netzwerken“ – Aspekte adliger Standesreform im Kontext adlig-bürgerlicher Vergesellschaftung (1750-1850)
  • „Adel und Militär oder: Zwischen Feldlager und Wasserburg“ – Forschungen zur militärischen Disposition des rheinischen Adels in generationenübergreifender Perspektive.

Das erste Teilprojekt widmet sich dem Thema „adlige Kommunikationsräume“ unter besonderer Berücksichtigung der Freimaurerei. Diese spielte im 18. Jahrhundert eine wesentliche Rolle für den Prozess der Aufklärung und stellte die wichtigste Geheimgesellschaft des Jahrhunderts dar. Die in den Freimaurerlogen praktizierte ständeübergreifende Form der Geselligkeit nahm in der Form eines ritualisierten Spiels die Ordnung der modernen bürgerlichen Gesellschaft vorweg. Die Teilhabe des europäischen Adels an dieser im 18. Jahrhundert völlig neuen Form der Vergesellschaftung war zunächst groß und fand auch in speziellen, hierarchisch-aristokratisch geprägten Ritualsystemen, wie beispielsweise der sogenannten „Strikten Observanz“, ihren Niederschlag. Am Beispiel dreier Vertreter des rheinischen Zweiges der Familie Salm-Reifferscheidt wird in einer generationenübergreifenden wie kollektivbiographischen Perspektive nach Formen, Entwicklung und Ausmaß adliger Beteiligung an Freimaurerlogen und angrenzenden Gesellschaften gefragt. Von besonderem Interesse sind hierbei die Übergänge und Öffnungen der adligen Vergesellschaftung sowie der damit zusammenhängenden Netzwerke zu sozialen Bereichen, die nicht zum klassischen Umfeld adliger Vergesellschaftung im Ancien Régime zählten, jedoch im Nahbereich des gesellschaftlichen Katalysators „Freimaurerei“ auf eine Modernisierung sozialer Umgangsformen hindeuteten.

Das zweite Teilprojekt behandelt das Thema „Adel und Militär“. Auch in der „Sattelzeit" (1750-1850), die streckenweise von höchster Bellizität (1756-63: Sieben-jähriger Krieg, 1804-1814: Napoleonische Kriege) gekennzeichnet war, stellte eine Offizierslaufbahn für Adelssprösslinge weiterhin einen vielversprechenden und standesgemäßen Karriereweg dar. Zahlreiche rheinische Adlige dienten entweder in den Armeen Napoleons oder in den Streitkräften der wechselnden Koalitionen seiner Gegner. Die Zeit der Napoleonischen Herrschaft führte somit zu einer militärisch-sozialen Dynamisierung der rheinischen Adelslandschaft, während die restaurative, zunächst von schwindenden Karriereoptionen geprägte Periode nach den Napoleonischen Kriegen (1815-1848), die für das Militär eine bis dahin nicht gekannte Phase von Frieden, Teilabrüstung und Kasernierung implizierte, den rheinischen Adel noch einmal mit ganz neuen Herausforderungen konfrontierte. Am Beispiel mehrerer rheinischer Adelsgeschlechter beantwortet Prof. Gersmann die Frage nach der Prestigeträchtigkeit und finanziellen Notwendigkeit militärischer Laufbahnen vor dem Hintergrund der Umbrüche in Staat und Gesellschaft (1750-1850).

Das Forschungsprojekt kann u.a. mit der Nutzung der Familienarchive des rheinischen Adels auf einer gut zugänglichen Quellengrundlage aufbauen. Das in ihnen enthaltene Schriftgut erschöpft sich nicht allein in Verwaltungs- und Prozessakten, Renteiberichten und Rechnungen, sondern beinhaltet darüber hinaus auch einen Fundus an Selbstzeugnissen, Tagebüchern und Korrespondenzen. Die Bestände in den Familienarchiven werden somit als ein Reservoir zur Erforschung der Sozial- und Wirtschafts-, der Kultur- und Alltagsgeschichte dienen. Die Forschungsergebnisse werden in einer umfangreicheren Monographie publiziert und auf zwei Konferenzen diskutiert.

 

Institution

Prof. Gudrun Gersmann

Historisches Institut, Universität zu Köln
Webseite

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