Unter den Fragen, denen sich die Politikwissenschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts gegenübersieht, hat die nach der Zukunft des demokratischen Verfassungsstaates besonderen Rang. Sein Anspruch, auf die Dauer das einzig legitime Modell politischer Ordnung in der modernen Welt zu sein, ist durch das zu Ende gehende Jahrhundert bekräftigt worden. Aber die Gegenfrage, ob er nicht doch das voraussetzungsreiche Produkt einer spezifischen Kultur sei, ist noch keineswegs definitiv beantwortet. Es könnte sein, dass der weltweite Prozess der Erosion der Bestandsbedingungen nicht-demokratisch organisierter Herrschaft und der Prozess des Aufbaus der Voraussetzungen für den demokratisch-verfassungsstaatlichen Modus der Politik zwei ganz verschiedene Dinge sind.

Auch ist die Frage offen, wie sich der demokratische Verfassungsstaat gegenüber den neuartigen Herausforderungen bewähren wird, vor denen er schon steht oder demnächst stehen wird. Welche Möglichkeiten, wenn nicht der Steuerung gesellschaftlicher Entwicklungen so doch der Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen, hat Politik der demokratisch-verfassungsstaatlichen Spielart in der Welt des 21. Jahrhunderts? Wie wird sie umgehen mit dem wachsenden Problemdruck, beispielsweise der Umweltkrise? Wie wird sie fertig mit der außerordentlichen Beschleunigung, auch der Intensität, mit der Prozesse des sozialen Wandels ablaufen, von den dramatischen demographischen Entwicklungen bis zum "Wertewandel"? Und wie verändern diese Prozesse die Rahmenbedingungen, die Handlungsmöglichkeiten der Politik? Ebenso dringlich ist die Frage, wie die Politik, die gerade als demokratisch verfasste Politik an umgrenzte Räume gebunden bleibt, mit der zunehmenden Erosion der Bedeutung territorialer Grenzen zurecht kommt. Einfacher gefragt: Wie lässt sich in entgrenzten Räumen noch regieren?

Es ist denkbar, dass unterschiedliche Ausprägungen des demokratischen Verfassungsstaates unterschiedlich gut mit den Herausforderungen umzugehen vermögen, die zu bestehen sind. Das ist eine Frage, die das besondere Interesse der vergleichenden Forschung verdient. In jedem Fall ist es wahrscheinlich, dass das Ensemble von Institutionen und Regeln, das den demokratischen Verfassungsstaat ausmacht, einem gesteigerten Entwicklungsdruck ausgesetzt sein wird. Die Entwicklungs- und Anpassungsfähigkeit dieses Typus von politischer Ordnung ist deshalb ein Thema, auf das viele Fragestellungen hinführen. Dabei kommt über die empirische Forschung hinaus auch die politische Philosophie ins Spiel, insofern es nämlich notwendig zu jeder Weiterentwicklung des demokratischen Verfassungsstaates gehört, sich stetig der Legitimitätsbedingungen demokratischer Politik zu vergewissern.

Es ist dieser Gesamtkomplex von Fragen, dessen Bearbeitung durch die Politikwissenschaft die Stiftung insbesondere unterstützen möchte.