Die Philosophie kann bei jedem Thema der Alltagserfahrung und der Wissenschaften ansetzen. Infolgedessen ist sie nicht bloß Teil oder Gesprächspartner der Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie trägt ebenso zu Grundlagendebatten in der Mathematik und den Naturwissenschaften sowie der Medizin und Technik bei. Und vor allem lässt sie sich auch auf Fragen von Recht und Gerechtigkeit, von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, von Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Sprache, von Bildung und Kunst unmittelbar ein.

Im deutschen Sprachraum herrschte freilich nach einer langen Zeit systematischen Denkens die Philosophiegeschichte vor, teils die Geschichte früherer Epochen, teils die Rezeption jener Traditionen, die nach dem Exil der entsprechenden Vertreter als angloamerikanische oder auch als analytische Philosophie bekannt geworden sind. Heute drängt sich - unter anderem - zweierlei auf: einerseits die Vermittlung der analytischen Philosophie mit transzendentalem, hermeneutischen und dialektischem Denken, andererseits ein systematisches Philosophieren, das sich aber wieder vom Reichtum der Philosophiegeschichte inspirieren lässt. Da der Anspruch der Philosophie auf universal gültige Begriffe und Argumente unter Kritik geraten ist, stellt sich eine dritte Aufgabe. Entweder den Anspruch auf universale Gültigkeit und zugleich die Idee der einen allgemeinmenschlichen Vernunft aufzugeben oder aber ihren Anspruch, zumal in Zeiten der Globalisierung, in Form inter- und transkultureller Diskurse zu erneuern.

Die Fritz Thyssen Stiftung fördert die Philosophie in ihrer ganzen historischen und systematischen Breite, dabei ausdrücklich auch Epochen und Gebiete, die nicht im Hauptstrom der gegenwärtigen Forschung liegen. In der Geschichte der Philosophie setzt sie einen gewissen Schwerpunkt bei den Klassikern: ihrer Interpretation und Kommentierung, hier sowohl innerhalb als auch außerhalb der griechischen und der deutschen Hoch-Zeit der Philosophie. In der systematischen Philosophie fördert sie die philosophieinterne Grundlagenforschung, beispielsweise die Erkenntnis- und die Gegenstandstheorie, die Moralbegründung und philosophische Ästhetik. Nicht weniger wichtig sind ihr Themen, die nach einer disziplinären Öffnung verlangen: in der theoretischen Philosophie, bei Themen wie Sprache, Bewusstsein und Geist, eine Öffnung zu den Neuro- und Kognitionswissenschaften; in der praktischen Philosophie, etwa bei Recht, Staat und Politik einschließlich ihrer globalen Perspektive, eine Öffnung zu den Rechts- und Sozialwissenschaften; und in der philosophischen Ästhetik nicht nur die Öffnung zur Literatur, sondern auch zu den bildenden Künsten, der Architektur und der Musik.