Kunstwissenschaften
Die mit den Künsten befassten Disziplinen, insbesondere Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, sowie Theater- und Medienwissenschaft sehen sich dank der Dynamik des kulturellen und sozialen Wandels in vielfacher Weise herausgefordert. Es geht heute weniger um neue Avantgarden oder künstlerische Fortschritte, vielmehr um eine dramatische Verschiebung der Kontexte, in denen diese Künste gedeihen. Ein verändertes Gegenwartsbewusstsein stellt sie vielfach in Frage, es ermöglicht aber auch eine Neuaneignung ihrer Inhalte und eine Erweiterung des wissenschaftlichen Problemkanons.
Das lässt sich am Beispiel des Bildes, das auch Thema eines eigenen Projektbereichs der
Fritz Thyssen Stiftung ist, illustrieren. Waren Bilder bis vor kurzem vor allem der Gegenstand der Kunstgeschichte, haben sie durch die elektronische Revolution einen ganz anderen Status gewonnen. Das Bild ist zu einem universellen Medium der Information, der Verständigung und der Erkenntnis geworden, das sich einer einzelnen Disziplin kaum mehr zuordnen lässt. Es besitzt jetzt auch instrumentelle Funktionen.
Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die Fortsetzung des "normalen Wissenschaftsprozesses" aktuelle Probleme ausblenden würde, die gebotenen Chancen und Herausforderungen nicht zu nutzen vermöchte. Eine Diskussion der im Gange befindlichen Veränderung ist gefordert, mehr noch: der daraus resultierenden Verschiebung der gültigen wissenschaftlichen Leitvorstellungen. Die Kunstwissenschaften insgesamt sind gehalten, ihre genuinen Beiträge im vielstimmigen Konzert der Disziplinen, die ihnen zukommende Rolle im kulturellen Kontext zu präzisieren.
Die Fritz Thyssen Stiftung fördert Anträge aus dem gesamten Bereich der Kunstwissenschaften und ihrer Nachbargebiete. Insbesondere aber solche Projekte, die sich mit Grundlagen und Quellen befassen, mit methodischen Fragen, der Erörterung von Leitkategorien, mit interdisziplinären Recherchen, insgesamt mit solchen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich durch Problembewusstsein und Reflexionsniveau auszeichnen. Die Finanzierung reiner Katalogisierungs- und Editionsprojekte zählt nicht zu den Förderanliegen der Stiftung.
