Altertumswissenschaft, Archäologie
Die Erforschung alter, meist prähistorischer Kulturen hat weltweit zu einer dramatischen Expansion der Ausgrabungswissenschaften und zu einer Fülle neuer, oft hochspezialisierter Archäologien geführt. Dabei spielt die Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Naturwissenschaftlern eine immer größere Rolle. Die Fritz Thyssen Stiftung muss sich angesichts dieser Ausweitung der Forschungen auf bestimmte Bereiche konzentrieren. Im Zentrum ihrer Förderung steht traditionsgemäß der Mittelmeerraum, wobei der Schwerpunkt bei den griechischen und italienischen Kulturen und deren Beziehungen zu den Nachbarn liegt. Archäologie wird dabei als eine historische Disziplin im Rahmen der klassischen Altertumswissenschaft verstanden.
Es können alle Formen der archäologischen Forschung, seien sie mehr theoretischer oder praktischer Art, gefördert werden. Das Interesse der Stiftung ist jedoch weniger auf reine Materialvorlagen und Katalogarbeiten als vielmehr auf Projekte gerichtet, die klar definierte historische Fragestellungen verfolgen, sich durch methodisch interessante Ansätze auszeichnen oder neue Techniken im Bereich der Ausgrabungen oder der Datenverarbeitung anwenden.
Einen Vorrang genießen Arbeiten, die spezifische Eigenarten und Veränderungen einer Kultur in konkreten historischen Kontexten beschreiben und analysieren. Als besonders vielversprechend wird z.B. die Erforschung antiker Städte unter Beteiligung von Forschern unterschiedlicher Spezialkompetenz angesehen. Auch die traditionellen kunsthistorischen Ansätze können im Rahmen einer solchen integrierten Betrachtungsweise neue Bedeutung gewinnen: Als Projektion der Werte und Ideale einer Gesellschaft steht die Bilderwelt in einem ständigen Spannungsverhältnis zur Alltagswelt. Als besonders fruchtbar haben sich in letzter Zeit Studien erwiesen, die kulturvergleichend arbeiten und Phänomene der Akkulturation oder des Kulturverfalls thematisieren.
Im Bereich der Alten Geschichte und der Klassischen Philologie werden insbesondere Vorhaben gefördert, die methodisch oder sachlich interdisziplinären Charakter haben und sich gegebenenfalls mit den Fragestellungen der Archäologie verbinden lassen. Für die Geschichtswissenschaft sind dies vornehmlich Projekte aus den Bereichen der Religions-, Wirtschafts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte, für die Philologie Untersuchungen von Texten im gleichen Fragehorizont.
Beachtung verdient dabei der Dialog der altertumswissenschaftlichen Disziplinen und Teildisziplinen untereinander mit dem Ziel, die Erfahrung ausdifferenzierter Methoden der Einzelfächer in integrative Ansätze einzubringen. Analoges gilt für die Alte Geschichte als Teil einer umfassenden Geschichtswissenschaft und für die Klassische Philologie als Sprach- und Literaturwissenschaft und in Relation zur Philosophie und zur antiken Wissenschaft.
Schließlich sind Forschungsansätze zu begrüßen, die die Altertumswissenschaft insgesamt mit den anderen Kulturwissenschaften in Beziehung setzen.
