Die Rechtswissenschaft steht heute vor nur schwer miteinander zu vereinbarenden Aufgaben. Zwar besitzt die klassische, systematisch-dogmatische Arbeit am Gesetzestext angesichts der Gesetzesflut und der Überfülle von Judikaten in einem Rechts- und Rechtswegestaat weiterhin große praktische und wissenschaftliche Bedeutung. Mehr und mehr tritt aber der Gestaltungsauftrag des Rechts deutlicher in den Vordergrund. Wie kann der Gesetzgeber seine Zwecke effektiv erreichen? Wo besteht überhaupt Regulierungsbedarf? Inwieweit tut Deregulierung und Selbstregulierung not? Welche Sanktionen, rechtliche und außerrechtliche, versprechen Erfolg?

Die Beantwortung dieser und anderer Fragen kann heute von der Rechtswissenschaft nur noch theoretisch informiert und im inter- und transdisziplinären Diskurs geleistet werden. In diesen Diskurs einbezogen sind insbesondere die Wirtschaftswissenschaften, die Politikwissenschaft, die Philosophie und die Soziologie.

Gleichzeitig gewinnt das Europäische Recht in der europäischen Mehrebenenrechtsordnung zunehmend an Einfluss. Die Europäische Union ist ein Staaten-, Verfassungs-, Verwaltungs- und Rechtsprechungsverbund, der durch ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure, Verbundtechniken und -instrumente immer wieder neu mit Leben erfüllt wird und erfüllt werden muss. Neben dem Europarecht ist das internationale und transnationale Recht, zumal in der Form zahlreicher Abkommen und angesichts internationaler Organisationen, denen Deutschland zugehört, wichtiger denn je. Das belegt nicht zuletzt etwa die WTO, die einen wichtigen Schritt hin zu einer Weltwirtschaftsordnung darstellt. Beide Entwicklungen bedürfen intensiver rechtswissenschaft¬licher Begleitung und insbesondere rechtsvergleichender Forschungen.

Schließlich vollziehen sich institutioneller Wandel und Transformation nicht nur in mittel- und osteuropäischen Ländern, sondern auch in Deutschland und den westlichen Industriestaaten, allen voran den USA, und stellen auch insoweit die Rechtswissenschaft vor ganz neue Herausforderungen.

Die Fritz Thyssen Stiftung räumt solchen Projekten Priorität ein, die über die klassische, innerdeutsche, systematisch-dogmatische Arbeit hinausgehen, also einzelne Gesetze, Rechtsgebiete, Disziplinen oder Staatsgrenzen überschreiten. Ob solche Untersuchungen eher privat- oder öffentlich-rechtlich, eher materiell- oder verfahrensrechtlich ausgerichtet sind, ist ohne Belang. Das heißt nicht, dass nur europarechtlich ausgreifende, rechtsvergleichende und interdisziplinäre Arbeiten gefördert würden. Projekte, die Recht funktional untersuchen, genießen jedoch Vorrang: Die Stiftung möchte einen Beitrag leisten zum Verständnis der Rolle Rechts in einer modernen, vielfältig international eingebundenen Industriegesellschaft.