Unter den Fragen, denen sich die Politikwissenschaft im 21. Jahrhundert gegenübersieht, hat die nach der Zukunft des demokratischen Verfassungs- und Wohlfahrtsstaates und nach der Zukunft liberaler Ordnungen im europäischen und außereuropäischen Kontext besonderen Rang. Sein Anspruch, auf die Dauer das einzig legitime Modell politischer Ordnung in der modernen Welt zu sein, schien durch das 20. Jahrhundert bekräftigt worden zu sein. Aber viele der Aufstände gegen autoritäre Diktaturen haben nicht konsolidierte Demokratien hervorgebracht, sondern autokratische Regime. Autoritäre Regime wie etwa China scheinen darüber hinaus das Entwicklungsproblem gelöst zu haben; jedenfalls entsteht hier ein Gegenmodell zur liberalen Verfassungsordnung, das zunehmend an Attraktivität gewinnt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden liberale Ordnungen aber nicht nur von außen herausgefordert, sondern auch von innen durch populistische Bewegungen und Parteien. Hier fehlen komparative Studien, die die europäische Erfahrung mit anderen Weltregionen vergleichen.

Auch ist die Frage offen, wie sich der demokratische Verfassungs- und Wohlfahrtsstaat gegenüber neuartigen Herausforderungen bewähren wird, vor denen er schon steht oder stehen wird. Welche Möglichkeiten, wenn nicht der Steuerung gesellschaftlicher Entwicklungen, so doch der Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen, hat Politik in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts? Wie wird sie umgehen mit dem wachsenden Problemdruck beispielsweise der Umweltkrise und vielfältiger Wirtschafts- und Finanzkrisen? Wie wird sie fertig mit der außerordentlichen Beschleunigung, auch der Intensität, mit der Prozesse des sozialen Wandels ablaufen, von den dramatischen demographischen Entwicklungen bis zum Wertewandel? Und wie verändern diese Prozesse die Rahmenbedingungen, die Handlungsmöglichkeiten der Politik? Ebenso dringlich ist die Frage, wie die Politik mit der zunehmenden Erosion der Bedeutung territorialer Grenzen zurechtkommt, beispielsweise in der Europäischen Union. Einfacher gefragt: Wie lässt sich in entgrenzten Räumen demokratisch regieren? Auch hier fehlen Untersuchungen, die die europäischen Erfahrungen mit anderen Weltregionen vergleichen. Dabei ist die empirische Forschung in vergleichender Perspektive ebenso gefragt wie die politische Theorie, insofern die Legitimitätsbedingungen demokratischer Politik auch immer wieder normativ hinterfragt werden müssen.

Die Problematik des Regierens in entgrenzten Räumen weist darüber hinaus darauf hin, dass sich im 21. Jahrhundert Innen-, Außen- und internationale Politik kaum mehr systematisch trennen lassen und dass Politik zunehmend von transnationalen und nicht-staatlichen Akteuren mitgestaltet wird. Die Tätigkeiten inter- und transnationaler Organisationen haben unmittelbare Auswirkungen auf die politischen Verhältnisse innerhalb der Staaten, und zwar nicht nur in Europa, sondern weltweit. Umgekehrt kann man staatliche Außenpolitik und die Politik inter- und transnationaler Organisationen nicht erklären, ohne die politischen Prozesse innerhalb der Staaten in den Blick zu nehmen. Auch hier sind vergleichende Studien gefragt, und zwar nicht nur mit Blick auf die europäischen und transatlantischen Erfahrungen, sondern auch in Bezug auf die aufstrebenden neuen Mächte und die Probleme des globalen Südens.