Die Ethnologie, entstanden als Wissenschaft 'fremder', d.h. nicht-westlicher Kulturen, ist zu einer Kultur- und Sozialwissenschaft geworden, die prinzipiell alle Gesellschaften analysiert und daher dem umfassenden Kulturenvergleich in der Gegenwart besondere Chancen eröffnet.

Wie die Geschichtswissenschaft ist auch die Ethnologie heute durch ein Bewusstsein von der Pluralität der Moderne geprägt. Im Bereich der Ethnologie möchte die Fritz Thyssen Stiftung insbesondere kulturvergleichende Studien fördern, ohne eine bestimmte Region zu privilegieren und damit im Zeitalter der Globalisierung unser Bewusstsein dafür schärfen, dass im Leben der Menschen und Völker die Einbettung in lokale Kontexte des Lebens und Arbeitens keineswegs an Bedeutung verloren hat. Zugleich möchte sie durch die von ihr geförderten Projekte das Bewusstsein dafür schärfen, dass Interdependenzen, die Gesellschaften und Kulturen übergreifen, immer stärker unser Leben bestimmen.

Die Stiftung fördert dabei Projekte, die sich mit der 'nicht-westlichen' Welt befassen, ebenso wie Studien, die aus der verfremdenden Perspektive des Ethnologen einen frischen Blick auf Probleme entwickelter Industriegesellschaften werfen oder sich der Analyse von Gegenwartsgesellschaften im Übergang zu Markt, Demokratie und Rechtsstaat widmen. Die geförderten Projekte sollten dabei unter einer systematischen Fragestellung stehen; Einzelfallstudien und ethnographische Feldforschungen werden in der Regel nicht gefördert. Von besonderer Bedeutung sind Studien, die verdeutlichen, wie eng die Geschichte und Gegenwart westlicher Kulturen mit der außerwestlichen Welt verknüpft sind. In der Analyse solcher 'connected histories' hat auch die Historische Anthropologie ihren Platz.

Im Rahmen einer so verstandenen Ethnologie wird Studien eine hohe Priorität eingeräumt, die sich mit den Folgen der demographischen Revolution in verschiedenen Regionen der Erde beschäftigen. Erwünscht sind ferner Projekte, die Fragestellungen 'klassischer' Disziplinen durch die Einbeziehung des ethnographischen Vergleichs eine neue Dimension eröffnen: Dies gilt insbesondere für den Bereich der Wirtschaft und des Rechts.