Querschnittbereich "Bild und Bildlichkeit"

Die Entwicklung der Informationstechnologien zeitigt unabsehbare soziale, politische und kulturelle Nachwirkungen. Insbesondere die so genannten Neuen Medien (Video, Internet, Cyberspace u.a.) lösten lebhafte Debatten aus, die sehr oft in spekulative Einschätzungen und historische Prognosen mündeten. Der Zeitpunkt ist mittlerweile gekommen, die veränderte Rolle des Bildes kritisch und wissenschaftlich zu untersuchen.


Es zeigt sich sehr schnell, dass sich neben der Bildkultur in den Künsten instrumentelle Bildwelten in den Wissenschaften ausgeformt haben. Seitdem Bilder technisch erzeugbar sind, verstärkte und verfeinerte sich die Möglichkeit, sie im Erkenntnisprozess einzusetzen. Die fortschreitende Bildtechnologie fungiert immer öfter als ein Auge von genuiner Leistungskraft, welches aus Theorie und Praxis der Natur- und der Biowissenschaften, einschließlich der Medizin, nicht mehr wegzudenken ist.

Mehr als ein bloßes Hilfsmittel, für das es lange gegolten hat, wirkt das Bild auf den Charakter dessen ein, was es zu erkennen gibt. Es ist deswegen angemessen, von einem ikonischen Erkenntnismodell oder Paradigma zu sprechen, das neben dasjenige der Sprache und der Mathematik tritt, als ein Medium der Generierung, der Mitteilung und der Veranschaulichung von Wissen. Umso mehr, als es über eine eigene Logik zu verfügen scheint, deren Beschaffenheit und Tragweite einer genaueren Untersuchung harren. Die fortschreitende technische Verfeinerung des ikonischen Instrumentariums, seine Effizienz und Nutzbarkeit sind geeignet, den Blick auf seine erkenntnisleitende Rolle zu verstellen. Umso wichtiger ist die in Gang befindliche Ausbildung eines reflexiven Wissens, auch in den Naturwissenschaften bzw. der Wissenschaftsgeschichte.

Der Aufstieg der Bilder, ihre veränderte Funktion im Haushalt des Wissens, setzt sie instand, das überkommene Gefüge der Disziplinen und Methoden neu zu erschließen. Die alte Teilung der zwei (oder auch drei) Kulturen beginnt sich zu verändern, angesichts investigativer Bilder, die im Repräsentationsprozess der Naturwissenschaften von der subatomaren Welt bis zu derjenigen der Astronomie, in der Erforschung und Therapie des menschlichen Körpers, aber auch in der Kunst oder Historie entwickelt bzw. eingesetzt werden. Eine neue Plausibilität gewinnen Kooperationen, z.B. zwischen Physik, Biowissenschaften, Neurologie, Psychologie, Wissenschaftsgeschichte, Kunstgeschichte, Medienwissenschaft, Geschichte, Kulturwissenschaft u.a. Der erweiterte Gebrauch der Bilder erfordert zugleich auch eine Kritik, die imstande ist, die Grenzen der Wirksamkeit, die damit verbundenen Verzerrungen und Verkennungen zu durchschauen.

Die Fritz Thyssen Stiftung ist bestrebt, Forschungen im Bereich des ikonischen Erkenntnismodells anzuregen und zu unterstützen. Im Zentrum stehen dabei Analysen von bildlichen Erkenntnisvorgängen und Repräsentationsformen, was aber Projekte zu ihrer neuen oder veränderten Nutzung keineswegs ausschließt. Eine besondere Chance besitzen dabei jene Disziplinen, die - wie die Kunst- und Kulturgeschichte oder auch die Philosophie - über einen differenzierten Bildbegriff verfügen, dann, wenn sie sich den erweiterten, transdisziplinären Aufgaben stellen. Willkommen sind insbesondere solche Projekte, welche die eingefahrenen Bahnen verlassen, zwischen den getrennten Wissensfeldern Verbindungen und Zusammenhänge herstellen, interfakultäre Problemstellungen als Anfang einer veränderten Wissenskultur nutzen. Gefördert werden u.a. auch solche Unternehmungen, die sich mit der Logik der Bilder, der Bildanthropologie, Problemen der Bildwissenschaft, der Bildkultur und Bildgeschichte, dem Verhältnis ästhetischer und kognitiver Leistungen, oder der instrumentellen Rolle des Bildes im Repräsentationsprozess der Wissenschaften befassen.