Im Fächerkanon der Wissenschaften werden Theologie und Religionswissenschaft meist gesondert aufgeführt. Theologie steht in aller Regel für christliche Theologie samt ihren historischen, exegetisch-philologischen, systematischen und praktisch-theologischen Verzweigungen. Das Fach Religionswissenschaft scheint demgegenüber in erster Linie für Religionen außerhalb des Christentums zuständig zu sein. Tatsächlich liegen die Verhältnisse komplizierter. Einerseits bearbeiten auch nichtchristliche Religionen ihre Geschichte und ihre Glaubensbestände theologisch, zum Beispiel das Judentum und der Islam. Andererseits erfährt die Selbstwahrnehmung und -deutung der Religionen durch die Religionswissenschaft inhaltliche und methodische Brechungen. Theologie und Religionswissenschaft - in ihrem jeweiligen soziokulturellen und wissenschaftlichen Milieu gesehen - markieren teils divergente, teils konvergente Felder der Arbeit an Phänomenen des Glaubens, der Geschichte, Institutionen und kulturellen wie politischen Wirkungen der Religionen. Die gegenwärtigen Debatten zum Status der Theologie und der "Religious Studies" deuten auf neuartige Verhältnisbestimmungen und damit auch auf manche Veränderungen der wissenschaftlichen Matrix hin.

Die Fritz Thyssen Stiftung nimmt Anträge aus allen Bereichen der Theologie und Religionswissenschaft entgegen. Sie trägt durch ihre Förderpolitik der Breite der thematischen Interessen, der Spezialisierung in den Subdisziplinen und der Vielfalt der Methoden Rechnung. Historische Projekte sind ebenso willkommen wie Studien zur gegenwärtigen Lebenswelt der Religionen. Besonderes Augenmerk gilt Projekten im Schnittbereich von Theologie und Religionswissenschaft. Der kulturelle Wandel verändert traditionale Wahrnehmungen des Menschen, der Natur und der Sozialwelt. Die Folgen für die Religionen und ihre Stellung in der Gesellschaft sind nicht unerheblich. Außerdem regt die Stiftung Projekte an, die ungeachtet der interdisziplinären Strukturen, die bereits in der Theologie und Religionswissenschaft selber liegen, auf Synergieeffekte mit weiteren Wissenschaftsdisziplinen zielen.