Die Sprach- und Literaturwissenschaften haben - wie die meisten anderen Geisteswissenschaften - seit den 60er Jahren erhebliche Veränderungen erfahren. Dieser Wandel betrifft ebenso die Methodik dieser Fächer wie die Neubestimmung ihrer Gegenstände. Zu den Konsequenzen dieser Veränderung zählt nicht zuletzt die zunehmende Autonomie von Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft, die sich inzwischen zu weitgehend selbständigen und sehr ausdifferenzierten Fächern entwickelt haben. Maßgeblich für den skizzierten Veränderungsprozess war eine deutliche Theoretisierung, die für die Linguistik ein vorrangiges Interesse an synchronen Fragestellungen bewirkt hat. Für die Literaturwissenschaft ist spätestens seit den 70er Jahren eine intensive Debatte über die Möglichkeiten und Varianten einer Wissenschaft von der Literatur entstanden. Diese Bemühungen um eine fortschreitende Theoretisierung des Fachs haben eine Reihe von Paradigmen neben der traditionell dominanten Literaturgeschichte wie 'Rezeptionsästhetik', 'Literatursoziologie', 'Literatursemiotik' oder 'Dekonstruktion' hervorgebracht. Mit der theoretischen Revision der Sprach- und Literaturwissenschaften ging die Veränderung ihres Gegenstandsbereichs einher. Nicht nur die vor allem schriftlich fixierten Hochsprachen oder ein überkommener Kanon von Texten bilden heute die Objekte der Forschung, zunehmend ist die Pluralität von sprachlichen wie literarischen Ausdrucksformen in den Blick dieser Disziplinen getreten. Zumal für die Literaturwissenschaft hat die in jüngerer Zeit geführte Diskussion um Eigenheiten und Funktionen der Medien noch einmal eine erhebliche Revision ihres Objektbereichs mit sich gebracht. Zunehmend treten die Beziehungen zwischen Literatur, Film, neuen Medien etc. in das Zentrum des Interesses. Zum Profil dieser Disziplinen gehört auch die aktuelle Debatte um ihren Status als Kulturwissenschaften, die inzwischen zur These vom 'cultural turn' geführt hat.

In Anbetracht der skizzierten Ausdifferenzierung der Sprach- und Literaturwissenschaften fördert die Fritz Thyssen Stiftung vorrangig Projekte, die grundlegende Fragen der Sprach- und Literaturwissenschaften zum Gegenstand haben. Vor allem ist sie an Forschungsvorhaben interessiert, bei denen die Untersuchung von Sprache und Text selbst im Zentrum steht. Die Stiftung unterstützt ebenso Projekte, denen historische Fragestellungen zugrunde liegen, wie solche, die den theoretischen Grundlagen dieser Disziplinen gewidmet sind. Ein besonderes Augenmerk gilt Projekten, die Beziehungen zu anderen Fächern herstellen. Dabei ist vor allem an Disziplinen gedacht, die ebenfalls sprachliche Gegenstände erforschen, wie die Philosophie oder die Theologie.