Die Philosophie ist nicht bereits von Faches wegen auf bestimmte Gegenstände, Methoden oder Grundbegriffe festgelegt. Wohl hat sie sich stets auf Gegenstände gemeinkultureller und wissenschaftlicher Diskurse und auf Methoden und Grundbegriffe anderer Disziplinen kritisch bezogen. Im Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung dieser kritisch-begleitenden Reflexionstätigkeit, zu der auch das stetige Wachhalten des historischen Bewusstseins gehört, fördert die Stiftung das Fach seiner ganzen Breite. Es gibt keinen Vorrang für bestimmte Arbeitsgebiete oder Ansätze, insbesondere auch nicht im Verhältnis von praktischer und theoretischer Philosophie, von historischem und systematischem Arbeiten, von grundlagentheoretischen und praxisnahen („angewandten“) Problemstellungen oder von formalen und verbalen Argumentationsweisen. Solche Einteilungen haben einen guten Sinn. Sie können dem Fach aber schaden, wenn sie zu scharfen diskursiven Spaltungen führen. Dasselbe gilt für die Grenzen zwischen der Philosophie und anderen Fächern, mit denen sie Gegenstände und Probleme teilt. Manche, darunter auch fest institutionalisierte akademische Grenzziehungen beruhen nicht auf sinnvoller Arbeitsteilung, sondern auf terminologischer Entfremdung und auf den Lenkungseffekten mainstream-konformer Publikations- und Karrierewege.

In letzter Zeit sind insbesondere die Schranken zu den Kognitionswissenschaften, die überwiegend die theoretische Philosophie betrafen, durchlässiger geworden. In der praktischen Philosophie gibt es engere Verbindungen mit benachbarten normativen und empirischen Wissenschaften seit längerem bei angewandten Projekten. Im langfristiger geprägten und prägenden grundlagentheoretischen Bereich orientieren sich die praktisch-philosophischen Beiträge nach wie vor oft entweder an der welfaristisch-entscheidungstheoretischen oder an der rechtsphilosophischen Tradition und Diktion – und spiegeln damit das seit jeher schwierige Verhältnis der ökonomischen zu den juristischen Disziplinen.

Projekte, die, in welchem Bereich auch immer, am Abbau sachlich unbegründeter inner-fachlicher oder fachübergreifender Diskursschranken arbeiten, indem sie über ihre Genese und ihre Folgen aufklären, Übersetzungsleistungen erbringen, auch Pauschalurteile korrigieren, sind der Stiftung besonders willkommen. Hier kommt dem meist unbefangeneren akademischen Nachwuchs, sofern er auf methodische Breite achtet und sich auf eigene detaillierte Lektüren stützt, eine besondere Rolle zu. Die konkrete thematische Initiative überlässt die Fritz Thyssen Stiftung im Fach Philosophie den Antragstellern. Ihre Absicht ist, in bürokratisch unaufwendiger Weise die traditionellen Stärken dieses Fachs zu bewahren – seine Offenheit, seine Grundsätzlichkeit, seine Kritikfähigkeit und die Originalität seiner Beiträge.