Aktuelles

Europas Sprachenvielfalt und die Einheit seiner Literatur


Programm

Unter dem Eindruck der Katastrophe der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts hat der Bonner Romanist Ernst Robert Curtius im Jahr 1948 sein großes Werk Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter vorgelegt. Ausdrücklich nimmt er in dessen Vorwort Stellung zu den Zeitumständen, denen es seine Entstehung in nicht geringem Maß verdankt. Curtius' Anliegen ist der Nachweis einer gemeinsamen literarischen Tradition Europas jenseits der Zerstückelung seiner Kultur im Namen der Nation. Gerade in einem historischen Moment, in dem die zerstörerischen Wirkungen nationaler Sonderansprüche in radikaler Weise zutage treten und das Erbe der europäischen Kultur selbst zur Disposition zu stehen scheint, bemüht er sich um den Aufweis einer durch Tradition gestifteten Gemeinsamkeit, die aller nationalen Vereinzelung voraufliegt. Es ist das Erbe der sich in der Spätantike formierenden lateinischen literarischen Kultur, das diese Einheit der europäischen Literatur hervorbringt und dessen Wirksamkeit Curtius bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts verfolgt.

Zweifellos bildet dieses Erbe einen maßgeblichen Faktor der Integration der europäischen Literatur, doch lassen sich weitere Aspekte feststellen, die ihre Einheit begründen. Das Anliegen der hier angezeigten Veranstaltung ist es, ihre Gemeinsamkeit nicht nur im Rückbezug auf ein antikes, sich seit dem Alten Griechenland formierendes Erbe und dessen Tradierung zu suchen, sondern ebenso in ihren innovativen Leistungen aufzuzeigen. Im Vordergrund steht der Nachweis, wie gerade innovative literarische Entwicklungen Europas, die sich in kritischer Distanz zu dieser Tradition herausbilden, gleichwohl eine gesamteuropäische Gemeinsamkeit begründen. Dies gilt zunächst für die europäische philosophische Reflexion über Literatur, die deren Produktion konstant begleitet und ihren Ausgangspunkt zweifellos in der aristotelischen Poetik hat. Doch die Positionen der Poetik erfahren im Laufe der Jahrhunderte maßgebliche Veränderungen und fallen schließlich entschiedener Kritik anheim, gleichwohl bildet sich dabei ein gemeinsamer Fundus europäischer Literaturtheorie heraus. Dies gilt gleichermaßen für neue Entwicklungen der volkssprachlichen Literaturen, die sich nicht nur sprachlich, sondern ebenso konzeptuell von den Traditionen der Antike emanzipieren. Am Beispiel des frühneuzeitlichen Dramas wie der provenzalischen Liebeslyrik soll gezeigt werden, wie sich über weite Teile Europas eine innovative literarische Formation herausbildet, die jenseits aller Unterschiede der Sprachen ein hohes Maß an literarischer und gedanklicher Gemeinsamkeit stiftet.